Die fehlende Stufe von Brunn

Von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

„Brunn war Fontane nur eine Fußnote wert“, sagt Herr Leusmann und winkt ab. In der Tat: Brunn kommt im ersten „Wanderungen“-Band, „Die Grafschaft Ruppin“, zwar vor, aber nur als Anmerkung zum Kapitel „Trieplatz“. In dieser werden weder Kirche noch Herrenhaus erwähnt, und man findet auf knapp zwanzig Zeilen nur einen Hinweis auf ein schönes, von Drakes Hand herrührendes Monument. Es steht direkt vor der Kirche, die seit ein paar Wochen eingerüstet ist und denkmalgerecht saniert wird. Familie Leusmann hat alles im Blick, denn sie wohnt genau gegenüber: Frau Leusmann hat den Beginn der Rekonstruktion notiert und Schwiegertochter Christine „überwacht“ als Mitglied des Gemeindekirchenrates die Bauarbeiten. Das Grabmal soll vor dem Kircheneingang stehen bleiben – sein ursprünglicher Standort war jedoch ein anderer. Fontane schreibt, es stehe im Schlosspark, unter dunklen Tannen und fast am Rande eines stillen Weihers. Den Schlosspark will uns Herr Leusmann später zeigen. Allerdings warnt er uns vor: Der Park sei völlig verwildert, die Schäden des letzten Sturms noch nicht beseitigt.

Das Monument von Brunn

Fontane besuchte das kleine Brunn am 17. September 1873 zur Vorbereitung der dritten Auflage des ersten „Wanderungen“-Bandes, der u.a. um das Kapitel Trieplatz erweitert werden sollte. Das Dorf, seit 1997 ein Ortsteil von Wusterhausen an der Dosse, ist in den letzten Jahrhunderten nicht größer geworden: Zurzeit leben hier rund 240 Einwohner. Die Leusmanns gehören zum Urgestein. Helga Leusmann wurde 1939 in Brunn geboren – wie ihre Mutter. Und war im Gemeindekirchenrat – wie jetzt ihre Schwiegertochter Christine. Sie besitzt zwar nicht Fontanes ersten „Wanderungen“-Band – Brunn ist darin ja nur eine Fußnote –; sie sammelt aber alle Zeitungsartikel über Brunn. Viel ist in den Jahrzehnten nicht zusammengekommen. Zur 700-Jahr-Feier des Ortes im Jahr 2003 wurde immerhin eine Postkarte gedruckt. Auf ihr sind auch die zwei Sehenswürdigkeiten abgebildet: die Kirche, deren erhaltene Grundmauern aus dem 13. Jahrhundert stammen, und das Grabmal, das Fontane in seinem Notizbuch beschrieben und skizziert hat.

Gewidmet ist das Monument Oberst Conrad von Romberg (1783-1833) und seinem Sohn Anton (1819-1835). Warum Conrad mit 50 und sein Sohn mit 16 Jahren gestorben sind, ist nicht bekannt. Die Witwe und Mutter, Amalie von Romberg, geb. Gräfin von Dönhoff (1789-1879) wurde 90 Jahre alt und stiftete das Grabmal 1844. Mit der Witwe hatte Fontane Kontakt. In seinem Nachruf auf Mathilde von Rohr, der 1892 erstmals erschien, zitiert er aus einem Brief  Frau von Rombergs, die über ihre Besuche bei den Rohrs im benachbarten Trieplatz berichtete. Nach ihrem Schicksal hat Fontane offenbar nicht gefragt. Die Familie von Romberg besaß das Gut seit Ende des 18. Jahrhunderts – bis zur Enteignung 1945. 

Eingerüstete Kirche in Brunn, davor das Drake-Monument, 2018

Wie begrüßend

Warum Conrad mit fünfzig und der Sohn mit sechzehn Jahren so kurz hintereinander verstorben sind, ist genauso wenig bekannt wie der Grund für die Standortwahl des Grabmonuments. Die Witwe war nicht an den Friedhof in Brunn gebunden, weil weder ihr Mann noch ihr Sohn dort beerdigt wurden. Vielleicht war der Schlosspark ein Lieblingsort der beiden, vielleicht war es die besondere Stille. Ermitteln ließ sich dagegen das weitere Schicksal Amalie von Rombergs, die aufgrund ihrer Hochzeit mit Conrad von Romberg im Jahre 1818 nach dem Rombergschen Gute Brunn, in der Grafschaft Ruppin, gezogen war. Und die Antwort auf die Frage, wie es zum Kontakt zwischen der Gräfin und dem berühmten Bildhauer Friedrich Drake (1805-1882) kam. Nach dem Tod ihres Mannes führte Amalie das Brunner Gut nicht weiter, sondern zog nach Berlin, um hier in Gemeinschaft mit ihrer älteren Schwester, der Gräfin Schwerin, das alte Döhnhoffsche, jetzt Stolbergsche Palais in der Wilhelmstraße 63 zu bewohnen. In dem Palais unterhielt Sophie Gräfin von Schwerin einen Salon, in dem bedeutende Literaten, Künstler und Kulturschaffende verkehrten: Bernhard von Lepel, Wilhelm Grimm, Theodor Fontane und – Friedrich Drake, der für Sophie und ihre Familie verschiedene Reliefs, Büsten und Statuetten anfertigte. Berühmt wurde Drake für seine Victoria auf der Berliner Siegessäule von 1873. Das Romberg-Denkmal in Brunn gehört zu seinen frühesten Werken.

Schöne Köpfe. Bruststück, befindet Fontane in seinem Notizbuch über das Relief am Drake-Monument, beide in griechischer Gewandung[;] der Sohn legt seine Linke in die linke Hand des Vaters und seine Rechte auf die Schulter des Vaters; so schauen sie sich treu ruhig und wie begrüßend an. Schön; etwas von wirkl[icher] Classicität. Das Denkmal stach heraus in der Gegend am Dosse-Ufer, das, wie so viele Punkte in der Mark, witwenhaft traurig sei, konstatiert Fontane im Trieplatz-Kapitel. In der tristen Gegend überrascht das kunstvolle Monument noch immer.

Allein schon deshalb hat Brunn mehr verdient als nur eine Fußnote. Fontane entschied jedoch anders. In seinem Notizbuch stehen die Seiten zu Brunn noch gleichberechtigt vor den Einträgen zu den benachbarten Orten Tramnitz und Trieplatz, die im ersten „Wanderungen“-Band ein eigenes Kapitel erhielten – und auf Fontanes Interesse stießen, weil sich dort die Güter der Familie von Rohr befanden. Brunn gehörte den Rohrs nur bis Ende des 18. Jahrhunderts.

So kürzte Fontane in seiner Fußnote für Brunn auch die im Notizbuch noch ausführlicher stehende Beschreibung des Reliefs: Der dargestellte Moment ist der des Wiedersehens; beide reichen sich die Hand, und eine hohe Freude verklärt ihre Züge. Die Inschrift hat der Wanderer dagegen vollständig übernommen. Sie ist auch heute noch zu lesen.

Drake-Monument in Brunn, Fontanes Zeichnung von 1873, Notizbuch A2, Blatt 14v, 15r

Das Fundament des Monuments

Vor Ort vergleichen wir die Notizbuch-Skizze mit dem Original – und stellen fest, dass am Original das Fundament fehlt. Fontane hat sich aber nicht geirrt. Die unterste Stufe befindet sich noch am alten Standort, im ehemaligen Schlosspark. Wohin uns Herr Leusmann nun führt. Er wisse, wo das Monument einst gestanden habe. Wir laufen die Dorfstraße Richtung Dosse, vorbei an der Kirche, der Feuerwehr und dem Pächterhaus des Gutes, wo bis 1945 die Familie des letzten Gutsbesitzers Friedrich Wilhelm Freiherr von Romberg wohnte. Das imposante Herrenhaus, von dem Helga Leusmann Fotos besitzt, war wegen Baufälligkeit bereits 1909/11 abgerissen worden.

Dann gelangen wir in den Park. Herr Leusmann hat nicht übertrieben: Hier herrscht die reinste Wildnis. Immerhin gibt es einen Weg durch den märkischen Dschungel. Leusmann erzählt, dass der ehemalige Kyritzer Superintendent Wolfgang Funke (1910-1998), der im Brunner Pfarrhaus wohnte, die Initiative zur Umsetzung des Grabmals ergriffen habe. Im Frühjahr 1989 ließ er es aus der Wildnis holen und vor der Kirche wieder aufstellen. Dort stehe es „schöner, sicherer und kann von allen Seiten betrachtet werden“, begründete Funke in der Lokalpresse seine Motivation.

Plötzlich bleibt Leusmann stehen und geht in die Hocke. Dann streckt er seinen rechten Arm ins Dickicht aus und sagt: „Hier müsste es sein!“ Und tatsächlich: Einige Schritte vom Weg entdecken wir das Fundament des Monuments – die fehlende Stufe. Wie zum Schutz ist sie von einem Moosteppich ummantelt. Das Dach bilden keine dunklen Tannen mehr, sondern hohe Buchen und kleine Ahornbäume. Wolfgang Funke hat in seinen „Notizen zu Brunn“ vermerkt: „Die große Grundplatte aber bleibt zur Bezeichnung des alten Standortes im Park zurück.“ Eine weitsichtige Entscheidung – nicht nur für Fontanisten.  

Das Fundament des Drake-Monuments im ehemaligen Schlosspark von Brunn, 2018

Quellen:

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Band 1: Die Grafschaft Ruppin. Dritte Auflage Berlin: Wilhelm Hertz 1875.

Theodor Fontane: Notizbücher. Digitale Edition. Hrsg. von Gabriele Radecke. Göttingen 2015ff. (Notizbuch A2, Blatt 14r-17r).

Dehio – Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler Brandenburg. Bearb. von Gerhard Vinken und Barbara Rimpel. Zweite Auflage Berlin 2012.

Kerrin Gräfin von Schwerin: Wilhelmstraße 63. Schicksalsjahre einer preußischen Familie. Berlin 2008.

Heinz Müller: Marmorrelief stammt vom berühmten Bildhauer Drake. In: Märkische Allgemeine Zeitung, o.D.

Und mehr über die Geschichte von Brunn in: Robert Rauh: „Fontanes Ruppiner Land“, be.bra verlag, (Frühjahr 2019).

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