Vorbild für jeden «teutsche[n] Mann»

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Keine Schwächen und keine Sünden. Nur Lob für Wesen und Wirken: «Es war eine seltene und ganz eminente Frau; ein Charakter durch und durch», schreibt Fontane über die geschiedene Charlotte Helene von Lestwitz (1754–1803). Sie ist die emanzipierteste Frau in den Wanderungen, in die sie, wie die Schauspielerin Rachel Félix [vgl. Beitrag vom 9.12.201], aufgenommen wurde, ohne dass ein «tüchtiger Kerl» hinter oder neben ihr stand. Verantwortlich für das Scheitern ihrer Ehe macht Fontane ihren Gemahl Adrian Heinrich von Borcke, den preußischen Gesandten am sächsischen Hof in Dresden.

Den Grund – Borcke hatte Ehebruch begangen – nannte Fontane nicht oder er wusste nichts davon. Nach der Annullierung der Ehe wollte «die Geschiedene so wenig wie möglich an eine Ehe erinnert» werden und nahm «unter Zustimmung des Königs den Namen einer Frau von Friedland» an. Mit ihrer Tochter Henriette Charlotte, der späteren Gräfin von Itzenplitz, kehrte sie «nach Schloss Kunersdorf, in das elterliche Haus zurück». Daher ordnete Fontane den Text über «Frau von Friedland» dem «Kunersdorf»-Kapitel im Oderland-Band (1863) zu.

Zunächst sah es so aus, als wenn die Friedland das Leben einer verwitweten Haustochter führen würde. Sie widmete sich «ausschließlich der Erziehung der Tochter und der Ausbildung ihres eigenen Geistes». 

«Die Friedland»: Helene Charlotte von Friedland, Porträt, Kupferstich, o.J.
Quelle: Theodor Fontane, Wundersame Frauen (s.u.), S. 26.

Nachdem ihr Vater, der preußische Generalmajor Hans Sigismund von Lestwitz, 1788 gestorben war, übernahm sie jedoch ohne zu zögern die Verwaltung der Güter. Und entwickelte sich zu einer Agrarpionierin, die sich über die Grenzen Brandenburgs Respekt und Anerkennung verschaffte. Die Autodidaktin wurde zu einer Vorreiterin der modernen und nachhaltigen, auf Gewinn und Verlust ausgelegten rationellen Land- und Betriebswirtschaft, sie experimentierte mit Fruchtfolgen, legte Baumschulen und ein modellhaftes Herbarium an.

Schloss Cunersdorf, erbaut 1772–1774, zerstört 1945, später abgetragen, Foto, ca. 1926
Quelle: Chamisso Museum im Kunersdorfer Musenhof

Sogar Albrecht Daniel Thaer, der Begründer der Agrarwissenschaften, interessierte sich für ihre Erfolge. Fontane schreibt in dem 1862 veröffentlichten Buch Denkmal Albrecht Thaers zu Berlin, dass Thaer auf seinen 1799 und 1801 unternommenen Reisen in die Mark Frau von Friedland und ihre Familie kennengelernt habe. «Der Aufenthalt in Kunersdorf, dem schönen Gute der Frau von Friedland, wo diese ausgezeichnete, mit allen Details der Wirtschaftsführung vertraute Frau lebte, war ihm genuss- und lehrreich zugleich.» 

Im Friedland-Kapitel der Wanderungen zitiert Fontane zwei längere Passagen aus Thaers dreibändigem Werk: Einleitung zur Kenntnis der englischen Landwirtschaft (1801–1804).

Welche Bedeutung Friedlands Wirken hatte, zeigt auch der Nachruf in der National-Zeitung der Teutschen vom 31. August 1803, die der Friedland und ihren außergewöhnlichen Leistungen die Titelseite und zwei weitere Seiten einräumte. Sie sei ein Vorbild für jeden «teutsche[n] Mann», der «in seinem Wirkungskreis sein Leben hindurch verhältnißmäßig so viel leisten [möge], wie diese Frau in dem ihrigen während weniger Jahre!».

Und was schreibt Fontane in den Wanderungen über sie? Er lässt eine angemessene Würdigung ihrer Erfolge vermissen. Zwar lobt er die «ganz besonderen Verdienste der Frau von Friedland», thematisiert aber nur ihre Ernteerfolge sowie ihre Baumschulen und Pflanzungen, die Erstaunen erregten.

Vorbild für jeden «teutsche[n] Mann»: Grabstein für Helene Charlotte von Friedland in Kunersodrf, Foto, 2019
Quelle: Robert Rauh

Hervorhebenswert scheint darüber hinaus «ihr Organisationsund Erziehungstalent, ihre Gabe, Leute aus dem Bauernstande zu treuen und tüchtigen Verwaltern, Förstern und Jägern heranzubilden ». Ganz ohne Männer geht es dann doch nicht. Wie die Preisung eines Mannes für eine vergleichbare Leistung aussehen kann, belegt Fontane für den Gutsbesitzer Jobst Gerhard von Hertefeld auf Liebenberg. Dessen Errungenschaften bezeichnete er in seinem Buch Fünf Schlösser als «epochemachend für die Kulturgeschichte der Mark».

Denkmal für Helene Charlotte von Friedland (2004), Bildhauerin Erika Stürmer-Alex, Foto, 2019
Quelle: Robert Rauh

Quelle:

Theodor Fontane, Wundersame Frauen. Weibliche Lebensbilder aus den «Wanderungen durch die Mark Brandenburg», hrsg. von Gabriele Radecke und Robert Rauh, Manesse Verlag, Zürich 2019, S. 26–29.

Literatur:

Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Das Oderland.

– Erste Auflage unter dem Titel: «Das Oderland. Barnim-Lebus», Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin 1863.

– Zweite, revidierte Auflage unter dem Titel: «Das Oderland. Barnim-Lebus», Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin1868.

– Dritte, stark unveränderte Auflage unter dem Titel: «Das Oderland. Barnim-Lebus», Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin1880.

– Vierte, unveränderte Auflage unter dem Titel: «Das Oderland. Barnim-Lebus», Verlag von Wilhelm Hertz 1889

– Fünfte, unveränderte Auflage unter dem Titel: «Das Oderland. Barnim-Lebus», Verlag von Wilhelm Hertz 1892 [Wohlfeile Ausgabe].

Theodor Fontane, Notizbücher. Digitale Edition, hrsg. von Gabriele Radecke. Göttingen 2015 ff. (https://fontane-nb.dariah. eu/index.html).

Theodor Fontane, Briefe an Wilhelm und Hans Hertz 1869–1898. Hrsg. von Kurt Schreinert. Vollendet und mit einer Einführung versehen von Gerhard Hay. Stuttgart 1972.

Denkmal Albrecht Thaers zu Berlin. Entworfen von Chr. Rauch. Ausgeführt von Hugo Hagen. Nach Photographien von L. Ahrends gezeichnet von Professor Holbein und in Holz geschnitten von C. Glanz. Mit Text von Th. Fontane. Berlin 1862.

Die Frauen von Friedland, Chamisso Museum im Musenhof Kunersdorf, in:
https://www.kunersdorfer-musenhof.de/kunersdorf/frauen-von-friedland/

Titelbild:

Schlosspark Cunersdorf, 2019
Quelle: Robert Rauh

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