So reimte man damals in Rheinsberg

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Der erste Satz ist ein Tourismuskiller. Ausgerechnet Fontane, der die Hauptstädter nach Brandenburg locken wollte, eröffnet sein Kapitel über die Perle der Mark mit dem Reisehinweis: „Rheinsberg von Berlin aus zu erreichen ist nicht leicht. Die Eisenbahn zieht sich auf sechs Meilen Entfernung daran vorüber.“ Der Einstieg lässt sich das auch als indirekter Appell verstehen, eine bessere Bahnverbindung herzustellen. Das hat Fontane – langfristig gesehen – erreicht. Noch nie war man mit der Eisenbahn schneller in Rheinsberg: Neunzig Minuten dauert die Fahrt. Wenn alles glatt läuft!

Schloss Rheinsberg im Mondlicht, 2019
Quelle: Robert Rauh

In Rheinsberg selbst ist der Wanderer voll des Lobes: Die Naturschönheiten seien „nicht verächtlich“ und die historischen Erinnerungen „ersten Ranges“. Tatsächlich punktet Rheinsberg noch immer mit seiner malerischen Lage am Grienericksee, weil sich hier Natur, Architektur und Kunst zu einem einzigartigen märkischen Ensemble verbinden. Nirgendwo sonst – von Potsdam einmal abgesehen – wird ein Ausflug ins 18. Jahrhundert so plastisch wie in Rheinsberg.

Und was Fontane beschrieb, ist auch heute noch zu besichtigen: das von Friedrich II. und seinem jüngeren Bruder Heinrich in ein Musenhof verwandelte Schloss, die Kirche und der Park mit seinem berühmten Obelisken. Selbst der Ratskeller – wenn auch nicht im Original. Hier gibt es „Altbrandenburgischen Schmorbraten“, der in der Speisekarte als, „Fontanes Leibgericht im Ratskeller Rheinsberg“ ausgewiesen wird, obwohl der Dichter, glaubt man seinen „Wanderungen“, hier nur ein „solennes Frühstück“ eingenommen hat.

„Solennes Frühstück“: Ratskeller Rheinsberg, Postkarte um 1910
Quelle: Ruppiner Regionalverlag

Macht auch heute noch seinem Namen alle Ehre: Ratskeller Rheinsberg, 2018
Quelle: Robert Rauh

Rheinsberg, das Fontane bereits aus Kindheitstagen durch die Erzählungen seines Vaters Louis Henri vertraut war, gehört von Anfang an zu seinen Ruppiner Leuchttürmen. Unmittelbar nach seiner ersten „Wanderungen“-Reise im Juli 1859 erschien eine vierteilige Rheinsberg-Serie in einer Zeitung. Zur Vorbereitung für den ersten „Wanderungen“-Band, in dem Rheinsberg ein umfangreiches Kapitel erhielt, besuchte Fontane am 29. Mai 1861 erneut die Kleinstadt. Dank eines Briefes an seine Frau Emilie wissen wir, wen Fontane begleitete: Verleger Wilhelm Hertz, Verlagsbuchhändler Adolf Enslin sowie seine Schwester Elise. Die kleine Reisegruppe kam im Übrigen nicht umständlich mit dem Zug aus Berlin, sondern „von dem nur drei Meilen entfernten Ruppin“.

Die elf erhaltenen Notizbuchseiten über Rheinsberg von 1861 enthalten vorrangig Informationen über die Rheinsberger Kirche, die der Wanderer „in mehr als einer Beziehung“ für einen „interessanten Bau“ hält. Innen krittelt er wie gehabt. Gleich auf der ersten Seite im Notizbuch beschreibt er ein „Monument“, das er im Vorbau der Kirche entdeckt hat: „Wie eine große Truhe, oder wie ein umgestürzter alter Bauer-Kachelofen“. Etwas abgeschwächt gelangt die Charakterisierung dann in die „Wanderungen“. Zusammen mit der notierten Inschrift auf dem Grabmal, das Prinz Heinrich für seinen Violinisten Ludwig Christoph Pitschner errichten ließ. Fontane liefert dem Leser auch eine Übersetzung. „Dem Tode gehört der letzte Sieg, / Und die Muse weint an meinem Grab“, lauten die letzten Zeilen. Trocken kommentiert der Dichter: „So reimte man damals in Rheinsberg.“

Fontanes Notizen über Rheinsberg von 1861
Quelle: Digitale Notizbuchedition

In mehr als einer Beziehung ein „interessanter Bau“: Rheinsberger Kirche, Kupferstich, um 1830.
Quelle: SPSG

Die Rheinsberger St. Laurentius Kirche, 2018
Quelle: Robert Rauh

Quelle:

Märkische Allgemeine Zeitung vom 2.9.2019
https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Rheinsberg/Wandern-nach-Fontanes-Notizen-Rheinsberg

Titelbild:

Schloss Rheinsberg, vom Obelisken aus gesehen, 2019
Quelle: Robert Rauh

 

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