Am Anfang stand Wustrau

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Wustrau bildet den Bogen. Mit dem Dorf am Ruppiner See beginnt Fontane 1862 seine „Wanderungen“. Und mit Wustrau enden sie auch. Denn im Schlusswort zu seinem vierbändigen Monumentalwerk greift Fontane den Ort 1882 noch einmal auf: „[G]leich das erste Kapitel“ ergebe, „wie lediglich touristenhaft ich meine Sache damals auffasste.“ Wustrau erfüllt nahezu idealtypisch den Anspruch des märkischen Wanderers, seinen Landsleuten zu zeigen, „dass es in ihrer Nähe auch nicht übel sei und dass es in Mark Brandenburg auch historische Städte, alte Schlösser, schöne Seen, landschaftliche Eigentümlichkeiten und Schritt für Schritt tüchtige Kerle gäbe“. In Wustrau bildeten die historische Kirche, das alte Schloss, der Ruppiner See und der tüchtige Zieten das erzählerische Potpourri, womit der Vorreiter des „märkischen Tourismus“ seine Leser in die Mark locken wollte.

Innen eine „Art Zieten-Galerie“: Schloss Wustrau, Postkarte um 1930.
Quelle: Robert Rauh

150 Jahre später sind die Zutaten für den modernen Tourismus nahezu identisch. Wustrau hat etwas zu bieten, wovon andere Ruppiner Flecken nur träumen: sechs Lokalitäten, zwei Museen und ein Schloss. Und alles gelegen an einem romantischen See, „der fast die Form eines halben Mondes hat“. Mit einer Länge von 14 Kilometern ist der Ruppiner See zugleich der längste in Brandenburg. Am Nordufer liegt die Fontane-Hauptstadt Neuruppin, am Südufer Wustrau.

Erstrahlt wieder im neuen Glanz und beherbergt die Deutsche Richterakademie: Schloss Wustrau heute.
Quelle: Robert Rauh

Fontane war mehrmals in Wustrau. Sogar einmal mehr, als bisher bekannt war. Im Juli 1859 kam er zusammen mit seinem Freund Bernhard von Lepel, um im Dezember einen Aufsatz über Wustrau unter dem Sammeltitel „Märkische Bilder“ in der „Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung“ zu publizieren. Von dieser Reise sind keine Notizen überliefert.

Ein zweites Mal besuchte er Wustrau gemeinsam mit seinem Verleger Wilhelm Hertz und dem Verlagbuchshändler Adolf Enslin während seiner Ruppin-Reise im Frühjahr 1861. Dieser Aufenthalt in Wustrau füllt allein 19 Notizbuchseiten. Sie dienten der Vorbereitung für den ersten „Wanderungen“-Band, den Fontane mit Wustrau eröffnete. Und Fontane reiste vermutlich ein drittes Mal nach Wustrau. Denn in seinem – erst gerade vollständig edierten – Notizbuch von 1864 findet sich zwischen „Gartz“ und „Gnevikow“ auch ein vierseitiger Eintrag zu „Wustrau“.

Idyllisch wie zu Fontanes Zeiten: Am Ruppiner See in Wustrau.
Quelle: Robert Rauh

Ob er auf seiner Ruppin-Reise im Juni 1864 den Ort tatsächlich besucht hat, ist allerdings ungewiss. Im Gegensatz zum Notizbucheintrag von 1861 fehlen in den Aufzeichnungen von 1864 Skizzen, die sich der Wanderer vor Ort von Gebäuden und Grabdenkmalen machte. Außerdem unterscheidet sich das Schriftbild. Während es 1861 unruhig ist, wirkt es 1864 wie eine Reinschrift, die nicht unterwegs entstanden ist.

Eine Gemeinsamkeit gibt es dann doch: Beide Notizbucheinträge beginnen mit dem Mann, den nicht nur Fontane verehrte: Hans-Joachim von Zieten. „Das ganze Schloss“ gleiche, so steht es in den „Wanderungen“, einer „Art Zieten-Galerie“. Fontane zählt „wohl vierzig Zieten-Portaits“. Auch wenn man die Bilder heute vergebens sucht, kommt man an dem legendären Husaren-General nicht vorbei. Wustrau nennt sich „Zietendorf“.

Schon wie eine Reinschrift: Fontanes Notizen über Wustrau von 1864.
Quelle: Digitale Notizbuchedition

Steht über allem: Zieten in Wustrau. Denkmal vor dem Brandenburg-Preußen Museum Wustrau.
Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung

Quelle:

Märkische Allgemeine Zeitung vom 14.9.2019

https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Fehrbellin/Wandern-nach-Fontanes-Notizen-Wustrau

Titelbild:

Abendstimmung an der Südspitze des Ruppiner Sees in Wustrau.
Quelle: Robert Rauh

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