Fontanes Wunder-Kelch von Kränzlin

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

In Kränzlin gibt es einen Abendmahlskelch, der Kranken hilft. Fontane berichtet in den „Wanderungen“, er habe gehört, dass die Dorfbewohner, „wenn einer der ihren schwer krank ist“, den Prediger „um etwas Gold vom Abendmahlkelch“ bitten. Sie würden es in die Medizin mischen und fest daran glauben, „wenn noch etwas helfen kann, so hilft das.“ Hat Fontane den Kelch gesehen? Und existiert er noch?

Die Forschung ging bisher davon aus, dass Fontane Kränzlin für die Recherche zur dritten Auflage des ersten „Wanderungen“-Bandes von 1875, in dem der Ort ein eigenes Kapitel erhielt, nicht aufsuchen musste. Das Dorf, nur fünf Kilometer westlich von Neuruppin entfernt, sei Fontane durch seinen Jugendfreund, dem Kränzliner Gutsbesitzer Hermann Scherz, „wohl bekannt“ gewesen. Fontanes Notizbücher „verraten“ jedoch: Auch als Wanderer war er in Kränzlin – während seiner Ruppin-Reise im Herbst 1864. Denn der Ort erhielt bereits in der zweiten Auflage von 1865 einen kurzen Abschnitt in dem Kapitel „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“, das der Autor für die dritte Auflage dann ersatzlos strich. Im Gegensatz zu anderen Orten aus diesem Kapitel blieb Kränzlin den „Wanderungen“ jedoch erhalten.

Fontanes Schriftzug „Krentzlin“ im Notizbuch von 1864.
Quelle: Digitale Notizbuchedition

Die Notizbucheintrag über „Krentzlin“ beginnt mit der detaillierten Beschreibung des wundersamen Abendmahlskelch: Fontane notiert die Stifter („Wulf Fratz und eine Hausfrau Maria Riben“), das Datum („Jahreszahl 1600“) und die „[V]ier Wappenbilder“ am Fuß des Kelchs. Weil er zwei von ihnen nicht identifizieren konnte, zeichnete er sie ab. An einigen Stellen des Kelchs“, schreibt er dann in den „Wanderungen“, sei „das Gold abgekratzt“.

Vor Ort verläuft die Spurensuche zunächst ins Leere. Das „idyllisch gelegene“ Predigerhaus zu Kränzlin“ – ein „Lieblingsaufenthalt“ des Baumeisters Karl-Friedrich Schinkel, dessen ältere Schwester Sophie mit dem Kränzliner Prediger Wagner verheiratet war – wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts abgerissen.

„Cabrio-Kirche“ von Kränzlin.
Quelle: Robert Rauh 

Und der Kirche, „ein alter gotischer Bau mit hoher Schindelspitze“, fehlt das Dach. Es wurde ausgerechnet bei der Sanierung des Turms 1974/75 beschädigt – und musste dann abgetragen werden. Hinter vorgehaltener Hand wird behauptet, die Kirchturmspitze sei aus Versehen auf das Dach gestürzt. Nach der Wende gründete sich ein Verein zum Erhalt des Gotteshauses.

Inzwischen wird die „Cabrio-Kirche“ wieder für Gottesdienste und für weltliche Veranstaltungen genutzt, bei denen Geld für die Sanierung gesammelt wird.

Vereinsmitglied der ersten Stunde ist Bärbel Thiede. Sie führt uns nicht nur in die Kirchenruine, sondern auch in das 1907 im Jugendstil errichtete Pfarrhaus, wo ein vergoldeter Abendmahlkelch im Safe aufbewahrt wird. Wir werden freundlich empfangen und warten im Gemeinderaum gespannt auf die Präsentation. Als uns der Kelch gezeigt wird, erstrahlt der spartanisch eingerichtete Raum. Umgehend beginnen wir mit der „Untersuchung“: vergleichen die Wappen mit dem Notizbuch und entdecken unter dem Fuß Kratzspuren. Es ist Fontanes Wunder-Kelch! 

Strahlt noch immer:
Der Fontanes Wunder-Kelch von Kränzlin.
Quelle: Robert Rauh

Kratzspuren als Beweis: Unter dem Fuß des Kelchs.
Quelle: Robert Rauh

Quelle:

Märkische Allgemeine Zeitung vom 21.9.2019

https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Neuruppin/Wandern-nach-Fontanes-Notizen-Der-wundersame-Kelch-von-Kraenzlin

Titelbild:

Fuß des Wunder-Kelchs aus Kränzlin.
Quelle: Robert Rauh

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