von Robert Rauh
Der Dichter hatte seine Notizen vergessen, was nicht so schlimm war. Aber er hatte im Schloss Liebenberg auch seine Pantoffeln liegen gelassen. Nicht das erste Mal. Er lasse sie immer stehen, schrieb Theodor Fontane im Sommer 1880 an Philipp Graf zu Eulenburg, „weil ich zu Haus und alltags an Filz-Dreimaster, wahre men of war, gewöhnt bin, die freilich ganz anders in die Augen fallen“. Er bat den Grafen, „die Dinger durch einen Diener einpacken und an mich adressieren zu lassen“. Eine Woche später schickte Eulenburg die Pantoffeln nach Berlin zurück und entschuldigte sich für die Verzögerung: Ihm sei ein Töchterchen geboren und das hätte seine „ohne dies durch langweilige Arbeiten geschwächten Gedanken völlig zu Grunde gerichtet!“ Aber als er heute neu gestärkt aus den Fluten der Lanke – ein kleiner Waldsee in der Nähe des Schlosses – aufgetaucht sei, „fielen mir mit der Wiederkehr eines gewissen geistigen Räderwerks jene rotschwarzen Schuhe ein, deren Herrn ich gar so gern hier begrüßen würde! Ich denke, es hat sich diesen Pantoffeln, die bisher in meiner Nähe standen, so sehr meine Gedankenrichtung mitgeteilt, dass dieselben Ihre Füße auf den Weg hierher lenken werden!“
Es ging vertraut zu zwischen Graf und Dichter. Das zeigt nicht nur diese Episode aus dem Sommer 1880, sondern der gesamte Briefwechsel zwischen Theodor Fontane und Philipp Alexander Carl Botho Graf zu Eulenburg (1847-1921), den Paul Irving Anderson mit detaillierten Erläuterungen herausgegeben hat. Die Korrespondenz zeigt, wie die beiden – neben gegenseitigen Sympathiebekundungen – auch voneinander zu profitieren gedachten.

Theodor Fontane, Fotografie, um 1880

Philipp Graf zu Eulenburg, Fotografie, um 1885
Fontane – (k)ein Freund?
„Zu meinen glücklichsten ‚Wanderungs’tagen in Mark Brandenburg gehören die in Liebenberg verbrachten“, schrieb Fontane 1890 an Philipp zu Eulenburg, den er Dritten gegenüber als Freund bezeichnete. Von Eulenburg sind vergleichbare Äußerungen nicht überliefert. Im Gegenteil: Das freundschaftliche Verhältnis zu Theodor Fontane wird verschwiegen – sowohl in Eulenburgs Memoiren als auch in seiner veröffentlichten Korrespondenz. Für die Publikation „Freundesbriefe“, die Friedrich Fontane nach dem Tod seines Vaters herausgeben wollte, suchte der inzwischen schwer erkrankte Eulenburg zwar die Briefe Fontanes im Liebenberger Archiv heraus, verweigerte 1909 aber seine Zustimmung zur Veröffentlichung. Ein überlieferter Zettelkatalog der Schlossbibliothek weist zudem kein einziges Buch Fontanes aus, obwohl Eulenburg sich beispielsweise 1890 beim Dichter für die Übersendung eines Gedichtbandes bedankte und versicherte, sie würden nach genüsslicher Lektüre „der Liebenberger Bibliothek einverleibt werden, wo bereits Ihre 5 Schlösser ihren Platz fanden“. Auch Philipps Enkel, Wend Graf zu Eulenburg-Hertefeld (1908-1986), erwähnt in seinen Erinnerungen – ungeachtet eines Zitates aus Fünf Schlösser – die Beziehung zwischen Theodor und Philipp mit keinem Wort.
Dabei ging die Initiative zur Kontaktaufnahme im Juni 1880 von Philipp zu Eulenburg aus. Der 34-jährige Graf, der gerade sein Examen für den diplomatischen Dienst absolvierte, begeisterte sich für Musik, Malerei und Poesie – und kannte Fontanes Wanderungen. Er half dem Dichter bei dessen Recherchen über die „Krautentochter“ von Hoppenrade, indem er die Verbindung zur Familie Knyphausen nach Schloss Lütetsburg herstellte. Diese Unterstützung des jungen Grafen war nicht ganz uneigennützig. Er nutzte die Gelegenheit, um seine früher bereits mündlich ausgesprochene Einladung zu einem Besuch auf Schloss Liebenberg zu wiederholen.
Er könne Fontane versichern, „dass diese ‚Wanderung’ Sie in einen der hübschesten Ort der Mark führen würde. Die große Reichhaltigkeit an alten interessanten Familienerinnerungen in Bild und Wort würde Ihnen dazu unzweifelhaft viel Vergnügen machen.“ Neben einer Wegbeschreibung verlieh er seinem Wunsch Ausdruck, Fontane möge nicht gleich am selben Tag wieder zurück nach Berlin fahren. Mit dem verlockenden Angebot rannte Eulenburg bei Fontane offene Türen ein, denn dessen Interesse an Liebenberg und der Familie von Hertefeld, die das Gut von 1652 bis 1867 besaßen, reichte schon in die frühen 1870er Jahre zurück. In einem Dankesbrief an die Schriftstellerin Ludovica Hesekiel von 1872 schrieb er von der Hoffnung, „in Liebenberg selbst einen guten Fischzug zu tun“.

„Einen guten Fischzug tun“: Schloss Liebenberg (Parkseite), nach 1878
Quelle: Jörn Lehmann

Schloss Liebenberg (Parkseite), 2016
Foto: Robert Rauh
Auf Augenhöhe
Anfang Juni 1880 war es dann so weit. Fontane erhielt nicht nur die Gelegenheit, die Familienpapiere vor Ort durchzusehen, sondern Bücher und Schriftstücke aus dem Archiv mit nach Berlin zu nehmen. Später vermittelte Philipps Vater zudem einen Kontakt zur legendären Tafelrunde im Jagdschloss Dreilinden um den Prinzen Friedrich Karl. Im Gegenzug versprach Fontane, Eulenburgs literarische Manuskripte an seinen Verleger Hertz weiterzuleiten. Ungeachtet der gegenseitigen Gefälligkeiten entwickelte sich zwischen den beiden Männern eine Beziehung auf Augenhöhe jenseits von Standesdünkel, den der Dichter in anderen Adelshäusern erfahren hatte. „Man ist in Liebenberg, wo ich innerhalb dreier Monate dreimal war“, schreibt Fontane Anfang Dezember 1880 an Mathilde von Rohr, „sehr gütig gegen mich, und zwar alle, alt und jung; ich machte sogar eine Enkel-Taufe dort mit, höchst interessant“. Bei der Taufe im August lernte er auch Philipps schwedische Schwiegereltern von Sandels sowie den preußischen Innenminister Botho zu Eulenburg (1831-1912) kennen. Bereits im Juli 1880 konnte er Philipp zu Eulenburg mitteilen, „an eine Doppel-Arbeit gehen zu können“. Neben Hoppenrade begann Fontane nun auch an Liebenberg zu arbeiten.
Der Urgroßvater
Theodor Fontane interessierte sich insbesondere für den Urgroßvater Philipps, Friedrich Leopold von Hertefeld (1741-1816). Der Landrat des Kleveschen Kreises übernahm 1790 – mit fast 50 Jahren – die Gutsherrschaft in Liebenberg. Mit der Übersiedlung ins Märkische tat er sich allerdings schwer. Entscheidungshilfe kam von außen: Weil 1792 das linke Rheinufer von den Franzosen besetzt wurde, „legte der sehr antifranzösische Friedrich Leopold von Hertefeld sein Landratsamt nieder“ und kündigte eine versuchsweise Übersiedlung nach Liebenberg an. 1802 kam es zum endgültigen Umzug – „mit dem von nun an festen Entschluss, ein für allemal auf märkischer Erde bleiben zu wollen“, wie Fontane in Fünf Schlösser schreibt. In Liebenberg erwies sich von Hertefeld als neuer, rigoroser Besen: Er wechselte das Hauspersonal aus und übernahm selbst die Führung des Gutes, weil ihm die Wirtschaft „altmodisch und vernachlässigt“ erschien.
Fontane hielt vor allem die Briefe Friedrich Leopolds für veröffentlichungswürdig. Der junge Philipp zu Eulenburg reagierte gerührt angesichts der Anerkennung, die Fontane seinem Urgroßvater zollte. Dass er, Philipp, ihn nicht mehr persönlich kennengelernt habe, sei ihm ein Verlust und Schmerz, doch mache es ihm Freude, dessen vererbte Originalität „bis in die Brust meiner heißgeliebten guten Mutter zu verfolgen“. Philipp bat Fontane, abermals nach Liebenberg zu kommen, um auch seine Eltern von der Veröffentlichung der Briefe zu überzeugen: „Sie [Fontane] führen die einzelnen Stellen an“, schrieb er im November 1880, „– und führen die Diskussion siegreich zu Ende.“ Es glückte.
In Fünf Schlösser widmete Fontane Friedrich Leopold von Hertefeld ein unfangreiches Kapitel, das neben den Briefen auch detaillierte Schilderungen über die Plünderungen Liebenbergs während der Napoleonischen Kriege beinhaltet.
Nach dem Tod Friedrich Leopolds wurde 1816 dessen Sohn Karl Adolf Alexander von Hertefeld (1794-1867) Gutsherr in Liebenberg. Er ließ das Schloss um eine Etage aufstocken und beauftragte den Landschaftsarchitekten Lenné mit der Umgestaltung des Parks. Infolge der Revolution von 1848/49, „deren Prinzipien er, trotzdem er einem gemäßigten Liberalismus zuneigte, von Anfang an bekämpfte“, begann er sich politisch zu engagieren. In Liebenberg jedoch zeigte sich von Hertefeld als Sozialreformer: Er schuf einen Fond für alte Beamte und sicherte allen Tagelöhnern auf seinen Besitzungen einen Anspruch auf kostenlose medizinische Versorgung zu, „infolgedessen“, wie Fontane spitz anmerkt, „ein unglaublicher Medizinkonsum in Liebenberg und Umgegend eingerissen ist“. Zur Beisetzung des zweiten Hertefeld in Liebenberg seien „viele Hunderte zur Erweisung der letzten Ehre herbeigekommen, […] und hatten vom Schloss bis zur Kirche hin, Spalier gebildet“.

„Bis zur Kirche Spalier gebildet“: Schloss Liebenberg (vom Turm), 2016
Foto: Robert Rauh
Liebenberg als „Frauenerbe“
Auch die Schwester Karls kam zur Trauerfeier und Testamentseröffnung. Weil Karl kinderlos geblieben war, reiste die Schwester in der Gewissheit an, sie würde die Erbin sein. Vom Notar geladen war auch ihre Enkelin, Alexandrine Freiin von Rothkirch-Panthen (1824-1902), die sich als Kind häufig bei ihrem geliebten Großonkel Karl in Liebenberg aufgehalten hatte. Der Schock der Schwester muss groß gewesen sein, als der Notar den letzten Willen des Verstorbenen bekanntgab: Universalerbin wurden seine Lieblingsgroßnichte und deren Sohn.
Wie die Schwester reagierte, wird in den Erinnerungen von Friedrich Wend zu Eulenburg anschaulich beschrieben: „Nach einigen Augenblicken verblüfften Schweigens erhob sich die Schwester Karls mit hochrotem Gesicht, deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihre sprachlose Enkeltochter und stieß nur ein einziges Wort hervor: Erbschleicherin! Danach raffte sie ihre Robe zusammen und verließ wütend ihr Heimathaus, um es nie wieder zu betreten.“ Alexandrine war seit 1846 mit Philipp Conrad Graf zu Eulenburg (1820-1889) verheiratet. Ihr Sohn Philipp, mit dem Fontane den regen Briefwechsel unterhielt, war von Karl zum eigentlichen Erben bestimmt worden. Liebenberg war somit 1867, „als Frauenerbe, an die bis dahin ausschließlich in Ostpreußen begüterte Familie der Eulenburgs übergegangen“.
„Eule, küsse weiter“
Bei seinen Besuchen in Liebenberg traf Fontane sowohl den jungen Erben, Philipp junior, als auch dessen Vater, Phillip senior, der zur Zeit der Recherche noch als Gutsherr wirkte und daher in Fontanes Liebenberg-Kapitel zum Abschluss der ausführlich geschilderten Besitzverhältnisse vorgestellt wird. Philipp zu Eulenburg senior, vom Autor „als ein ebenso tüchtiger wie passionierter Landwirt“ gewürdigt, diente zunächst in der preußischen Armee, kämpfte im Krieg gegen Dänemark 1864 und zwei Jahre später gegen Österreich. Was Fontane in diesem Zusammenhang hervorhebt: Er „stand in besonderer Gunst bei Wrangel“, dem Generalfeldmarschall, dem mit 80 Jahren zu Beginn des deutsch-dänischen Krieges noch der Oberbefehl über die preußisch-österreichischen Truppen übertragen wurde.
Statt Berichte über siegreiche Schlachten werden dem Leser unkommentiert Anekdoten aufgetischt, die Fontane bei den Eulenburgs bereits 1880 für den Journalisten Emil Dominik zur Veröffentlichung in der Berliner Wochenzeitschrift „Der Bär“ erbeten hatte. Darunter auch das „Paradepferd“, das in Fünf Schlösser nicht fehlen durfte: Wrangel besuchte in Begleitung von Eulenburg Ruppin, um Truppen zu inspizieren. Die Ruppiner wollten dem berühmten General etwas Besonderes bieten und hatten „ihren Jungfrauenflor in drei Gliedern aufgestellt. Die hübschesten an der Front. Wrangel küsste die ganze Frontreihe durch und sagte dann, auf den Rest deutend: ‚Eule, küsse weiter’.“
Das Schloss
Wie in Plaue und Dreilinden widmet sich Fontane auch in Liebenberg dem Inventar des Schlosses. Neben Bildern, Waffen und Kuriosa beschreibt er die Liebenberger Bibliothek. Sie war in dem neuen Anbau untergebracht, den Philipp senior 1875 vom Architekten Otto Brückwald errichten ließ und der den Charakter „einer einzigen großen Halle“ hatte, „die, soweit meine Kenntnis märkischer Landsitze reicht, in unserer Provinz ihresgleichen sucht“. Obwohl der Raum einer mittelalterlichen englischen ‚hall’ gleiche, habe er ein heiteres und anheimelndes Aussehen, was einerseits durch die Aufstellung einer 12.000 Bände umfassenden Bibliothek und anderseits durch die Nutzung als gemeinschaftliches Wohnzimmer erreicht würde. Hier werde geschrieben, gemalt, gelesen, musiziert, geplaudert und Billard gespielt, „oft alles zu gleicher Zeit, und ebendadurch allem jener warme Ton gegeben, ohne den es eine wahre Wohnlichkeit nicht gibt“.
Zum Abschluss seines Rundganges durch Schloss und Umgebung zieht Fontane „eine Parallele zwischen dem Leben von sonst und dem Leben von heute“. Ohne die Eulenburgs beim Namen zu nennen, konstatiert der Autor, das Leben sei im Vergleich zu den Zeiten der von Hertefelds „nicht loyaler geworden“, sondern „preußischer“. Anstelle des „Aufklärungsevangeliums, mit seinem Hange zu Weltbürgertum und Philosophie, traten wieder Konfession und Nationalität, die Scheidungen und Gliederungen einer weiter zurückliegenden Zeit. Ein Begrenztes an Stelle des Unbegrenzten“. Erhalten geblieben sei aber „jene Hilfsbereitschaft und schöne Gastlichkeit, die hier allezeit heimisch und das alte Vorrecht der Hertefelds war, sie lebt fort bis diese Stunde“.
Im Dezember 1880 kündigte Fontane dem Grafen an, dass sowohl die Liebenberg- als auch die Hertefeld-Aufsätze hoffentlich bald erscheinen und „später, im Buch, in das große Kapitel ‚Liebenberg’ eingekapselt werden“.

Sucht in unserer Provinz ihresgleichen: Eingang zur Nordischen Halle in Schloss Liebenberg, Postkarte, um 1900; Quelle: Archiv Rauh
„Ein großer Genie, aber ein kleiner Mann“
Nachdem im Januar und Februar 1881 zwei Artikelfolgen mit den Titeln Die Hertefelds und Liebenberg in der Vossischen Zeitung erschienen waren, blieb der Briefwechsel zwischen Fontane und Eulenburg zunächst bestehen. Eulenburg besuchte Fontane am 14. Januar 1881 sogar in dessen Berliner Wohnung, bevor er als Sekretär der preußischen Gesandtschaft nach Paris fuhr. Der Graf „war wieder sehr liebenswürdig, erzählte mir allerhand Interna“, berichtete Fontane seiner Tochter Martha anschließend.
Der offene Austausch setzte sich auch in der Korrespondenz fort. Als Bismarck im Februar 1881 Innenminister Botho von Eulenburg entließ, schrieb Fontane kurz darauf an Philipp, wie ihn die Sache aufrege, und zeigte sich empathisch: „Ihr Familiengefühl wird verletzt sein.“ Fontane hat auch eine Erklärung parat: Die Gründe für das Vorgehen des Reichskanzlers lägen nicht bloß in der Sache. „Denn er ist ein strenger und eifersüchtiger Gott! Aber genug, ich schreibe mich sonst in die kitzlichsten Fragen hinein.“ Noch bremst er sich – und urteilt in einem weiteren Brief durchaus differenziert, indem er schreibt, der Kanzler sei „ein Despot, aber er darf es sein, er muss es sein. Wär er es nicht, wär´ er ein parlamentarisches Ideal, das sich durch das Dümmste was es gibt, durch Majoritäten, bestimmen ließe, so hätten wir überhaupt noch keinen Kanzler und am wenigsten ein deutsches Reich.“ Aber in seinem Brief vom 23. April kommt Fontane zu dem Schluss: Bismarck „täuscht sich über das Maß seiner Popularität; sie war einmal kolossal, aber sie ist es nicht mehr“. Die Einschätzung gipfelt in der Aussage, „die Menschen sagen (und mit Recht): ‚Er ist ein großes Genie, aber ein kleiner Mann.’“ Die scheinbar widersprüchlichen Aussagen entsprechen dem Bismarck-Bild Fontanes, der sich einerseits öffentlich an literarischen Huldigungen über den Reichsgründer beteiligte und andererseits privat dessen Charakter in Frage stellte – oder seinen literarischen Figuren Bismarck-kritische Aussagen in den Mund legte.
Allerdings verwundert es, dass Philipp zu Eulenburg ausgerechnet Fontanes Briefpassage über Bismarck vom 23. April 1881 in seinen Memoiren später aus dem Zusammenhang reißt: „In dem ich dies schreibe, spielt mir der Zufall Äußerungen eines Verstorbenen in die Hand, die sich mit dem, was ich sagen will, merkwürdig berühren. In Theodor Fontanes Briefen lese ich unter dem 23. April […]“. Zu Recht weist Anderson daraufhin, dass Eulenburg den Kontext für Fontanes Wertung hätte erklären können. Abgesehen davon sind dem Fürsten weder Fontanes Besuche in Liebenberg noch der zeitweise enge und freundschaftliche Briefkontakt eine Erwähnung wert.
„Als Dichter ein Dilettant“
Weil keine kritischen Äußerungen Eulenburgs über Fontane belegt sind, kann nur gemutmaßt werden, was der Grund für die Verleugnung war. Es ist beispielsweise nicht nachweisbar, dass Fontane, obwohl er es zugesichert hatte, Philipps Manuskripte an seinen Verleger weitergeleitet, geschweige sich dafür an anderer Stelle verwandt hat. Ohnedies hielt der Dichter nicht viel von Eulenburgs literarischen Ergüssen.
Als er dessen 1887 in Berlin uraufgeführtes Drama „Seestern“ für die Vossische Zeitung rezensierte, rettete er sich über einen Trick: „Bei der Kritik über sein Stück half ich mir dadurch, schreibt er Georg Friedlaender, dass ich es bei der sogenannten ‚kleinen Kritik’, die am Abend selbst geschrieben wird, bewenden ließ. Hätte ich mich am andern Tage in Details eingelassen, so hätte ich nothwendig sehr fatale Dinge sagen müssen, die mir nie verziehen worden wären.“ Noch vernichtender fiel Fontanes Meinung über Eulenburg zwei Jahre später aus, als der Autor an Detlev Liliencron auf dessen Lob für Fünf Schlösser antwortete: „Ja, er ist ein Mann des Friedens und das Gemeine kann vor und neben ihm nicht bestehen. Aber als Dichter ist er ein Dilettant. Gott sei Dank ist er auch noch Gesandter und Besitzer des schönen Liebenberg mit 14.000 Morgen und einer reichen Schwedin als Frau.“ Man kann nur erahnen, wie der später durch den Skandal um seine Person gedemütigte und gesundheitlich angeschlagene Philipp zu Eulenburg auf die veröffentlichten Briefpassagen Fontanes nach dessen Tod reagiert hat. (Ver-)schweigen ist auch eine Antwort.

„Als Dichter ein Dilettant“: Fürst Philipp zu Eulenburg, Fotografie, 1905
Quelle: Jörn Lehmann
Quelle:
- „Fatale Dinge“. Fontane und Philipp zu Eulenburg; in: Lorenz, Erik Lorenz/Rauh, Robert: Fontanes Fünf Schlösser. Neue und alte Geschichten aus der Mark Brandenburg, be.bra Verlag, Berlin 2026, S. 87–94.
Titelbild:
- Kirche auf Schloss Liebenberg, 2017; Foto: Robert Rauh
Literatur:
- Anderson, Paul Irving: Theodor Fontane und Philipp zu Eulenburg. Der Briefwechsel 1880-1890. Edition, Teil 1 und 2; in: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte 61 (2010), S. 149-72, und 62 (2011), S. 161-183.
- Eulenburg-Hertefeld, Philipp zu: Aus 50 Jahren. Erinnerungen des Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld, hrsg. von Johannes Haller, Berlin 1925.
- Eulenburg-Hertefeld, Wend Graf zu: Erinnerungen an Liebenberg, Engelhorn, Stutgart 1990.
- Fontane, Theodor: Fünf Schlösser. Altes und Neues aus Mark Brandenburg, Verlag Wilhelm Hertz, Berlin 1889.
- Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Band 5. Fünf Schlösser, hrsg. von Gotthard Erler und Rudolf Mingau. Aufbau-Verlag, Berlin 1994.
- Lehmann, Jörg: Liebenberg. Ein historischer Streifzug, Edition Rieger, Karwe 2015.
- Lorenz, Erik Lorenz/Rauh, Robert: Fontanes Fünf Schlösser. Neue und alte Geschichten aus der Mark Brandenburg, be.bra Verlag, Berlin 2026 [mit ausführlichem Literaturhinweis].
Weblinks
- Fontanes Liebenberg; in: Fontanes Wanderungen (Website)
- Schloss Liebenberg, Offizielle Website der DKB-Stiftung

