Die verschwundene Burg von Wildberg

Von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Wildbergs prächtig hoher Kirchturm, der über die halbe Grafschaft wegsieht, ist auch für uns schon von weitem sichtbar. Er sei, so hält Fontane in seinem Notizbuch weiter fest, 240 Fuß hoch und der höchste im Kreise. Weil er die Höhenangabe offenbar noch einmal überprüfen wollte, vermerkt Fontane in Klammern ein Fragezeichen. Für die „Wanderungen“ zog er dann eine weitere Quelle hinzu und ergänzte eine zweite Zahl: Seine Höhe ist 229, nach andern 240 Fuß. Nimmt man das Mittel, kommt man auf ca. 70 Meter. Ob Fontane den Kirchturm bestiegen hat, verrät er uns nicht. Aber er informiert faktensicher: Man überblickt von ihm aus achtzehn Dörfer, eine prächtige Wiesenlandschaft, und die Städte Neuruppin, Wusterhausen und Fehrbellin schließen den Horizont.

Die Wildberger wissen es heute genauer; ihr Turm ragt 62 Meter in den märkischen Himmel, der an diesem sonnigen Märztag besonders blau strahlt. Auf ihrer Gemeinde-Website geben sie sich bescheidener als der berühmte Wanderer: Der Kirchturm sei „der höchste Turm in der Gemeinde Temnitztal“, zu der „nur“ fünf Ortsteile gehören. Sie schlossen sich 1997 mehr oder weniger freiwillig zusammen; 2003 gesellte sich auch Garz dazu. Zur fontaneschen Orientierung: Temnitztal liegt 13 Kilometer westlich der Fontane-Geburtsstadt Neuruppin.

Blick auf den Wildberger Kirchturm, von der B 167 aus Richtung Neuruppin, 2018

Fontanes Bagel

Um den Turm der Dorfkirche St. Nikolaus zu fotografieren, halten wir – von Neuruppin über die B 167 kommend – an der Chausseebrücke. Sie liegt vor dem Ortseingang und überquert die Temnitz, die der Großgemeinde den Namen gab. Weil uns ein eisig kalter Wind schnell wieder ins Auto treibt, übersehen wir zunächst das Naturdenkmal, weswegen wir vor allem nach Wildberg gekommen sind. Denn als Fontane im Juni 1864 Wildberg besuchte, notierte er in seinem Notizbuch nicht nur die Höhe des Wildberger Thurms, das Kircheninventar und den Krug „zum alten Zieten“, sondern skizzierte auch einen Erdwall. Aus der Vogelperspektive gezeichnet, sieht der Erdwall wie ein Bagel aus.

In Neuruppin gab es keine Bagels, und das Navi kennt keinen Wildberger Erdwall. Auf Fontane ist jedoch Verlass. Er hat den Erdwall, bei dem es sich genau genommen um einen alten Burgwall handelt, korrekt verortet: an der Temnitz zwischen den beiden Orten Kerzlin und Wildberg, direkt neben der Chausseebrücke – also genau dort, wo wir gerade parken. Wir schauen nach links und sehen auf dem weiten Feld ein kreisförmiges Waldstück. Weil die Bäume noch kahl sind, entdecken wir auf den zweiten Blick die Reste einerWallerhebung. Das muss er sein!

Von der B 167 führt ein Weg direkt an den Erdwall heran, der nur 50 Meter von der Chausseebrücke entfernt liegt. Vorbei an einem Rastplatz mit einem Tisch und zwei Bänken – und einem fast zwei Meter hohem Feldstein. Ein paar Minuten später stehen wir mit Fontanes Zeichnung im Auge des Bagels. Die Entdeckerfreude lässt uns fast die Kälte vergessen.

Erdwall bei Wildberg, Fontanes Zeichnung von 1864, Notizbuch A1, Blatt 1r

Nicht wie man baute, sondern wo

Die Geschichte der Wildberger Burg ist nicht gesichert. Vermutlich ist sie Mitte des 12. Jahrhunderts im Zuge der Ostsiedlung auf den Resten einer slawischen Burganlage errichtet worden – „als eine feste Wehrburg mit einem hohen gemauerten Turm“, wie es auf der Ortstafel heißt. Wildberg, der Ort der hohen Türme. Um 1214 diente die Burg wahrscheinlich den Grafen von Arnstein als Ausgangspunkt zur Errichtung der Grafschaft Ruppin. Wem die Burg später gehörte, darüber rätselte auch schon Fontane. Es heißt: die „Herren zu Wildberg“, die hier 1315 nachweisbar sind und dem Ort den Namen gaben. Es könnten auch die Ruppiner Grafen oder die Zietens gewesen sein. Unklar ist darüber hinaus, ob die Burg von Kurfürst Friedrich I. (Reg. 1415–1440) geschleift wurde. Sicher scheint nur eines: Es handelte sich um eine Niederungsburg – ein Burgtyp, der im Flachland liegt. 

Diese Burgklassifikation hält selbst heute jeder Überprüfung stand. Weit und breit nur plattes Land, nicht mal ein Hügel. Auch Fontane nimmt eine Typisierung vor. Die Anlage sei, lässt er den Leser und die Leserin in den „Wanderungen“ wissen, das Musterbeispiel einer alten Sumpfburg. Auch das trifft zu. Die Sumpflandschaft der vorbeiplätschernden Temnitz diente als Schutz nach Südwesten. Man sehe, so der märkische Hobbyarchäologe, nicht wie man baute, sondern wo; welches Terrain man aussuchte und wie man es benutzte.

Wildberg in den „Wanderungen“?

Wer Fontanes Wildberger Burgbeschreibung in der „Wohlfeilen Ausgabe“ der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von 1892 sucht, wird sie nicht finden. Wildberg schaffte es im Rahmen des Kapitels „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“ nur einmal in den ersten „Wanderungen“-Band – in die zweite Auflage, die 1864 erschien (vordatiert auf 1865) und die erstmals den Titel „Die Grafschaft Ruppin“ trägt. Für diese Auflage unternahm Fontane im Juni 1864 eine Reise ins Ruppiner Land, wo er neben Wildberg beispielsweise auch Lögow, Rohrlack und Gentzrode (vgl. Wandern nach Notizen, Teil 1: http://fontanes-wanderungen.de/das-geheimnisvolle-gentzrode/) besuchte und die Ergebnisse in seinem Notizbuch A1 noch während der Besichtigungen niederschrieb. Diese Reise war bislang der Forschung nicht bekannt und wurde ihm Rahmen der digitalen Edition der Notizbücher Fontanes erstmals ermittelt. In der dritten Auflage des ersten „Wanderungen“-Bandes von 1875 nahm Fontane das Kapitel „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“ wieder heraus. Fasst man die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ jedoch als dynamisches Werk auf, an dem Fontane über dreißig Jahre hinweg gearbeitet hat, gehören Wildberg und die anderen Flecken und Dörfer im Ruppiner Land ‚natürlich‘ dazu.

Ein Hauch von märkischem Dschungel

Was Fontane sah und in den „Wanderungen“ beschrieb, findet man auch heute noch vor: Jetzt ist nur noch der aufgeschüttete Erdhügel da. Kein Turm. Und kein Gemäuer, das um 1800 noch übermannshoch existiert haben soll. Nur ein runder Wall mit ca. 150 kleinen und großen Laubbäumen. Fontane ist ihn abgeschritten und hat im Notizbuch das Ergebnis seiner ersten Einschätzung vermerkt, was er später auch so in den „Wanderungen“ übernahm: Der Erdwall ist 20 Fuß hoch. Und: Durchmesser oben 100 Schritt, also sehr groß. Ein kontrollierendes Abschreiten ist heute schwierig. Sturm Xavier hat im Oktober 2017 auch hier seine Spuren hinterlassen. Überall versperren umgeknickte Bäume oder heruntergestürzte Äste den Weg. Plötzlich wird es auch ein wenig unheimlich auf dem riesigen Erdhügel. Ein kräftiger Windstoß kämpft sich durchs Geäst. Überall Geknarre und Gequietsche. Ein Hauch von märkischem Dschungel.

Im Auge des Burgwalls, 2018

Die Wildberger haben auch eine Burgwall-Sage zu bieten. Zwischen Mitternacht und 1 Uhr lässt sich auf dem Erdhügel zuweilen eine weiße Dame sehen, die erlöst werden will. Diese und andere Sagen haben Ortschronist Egbert Zemlin und Karl-Heinz Langer in einer Publikation für die dorfeigene Geschichtsserie „Wildberg“ zusammengestellt. Die liebevoll gestaltete Zeitschrift kann über die Gemeinde-Website erworben werden. Einmal im Jahr kehrt an den historischen Ort modernes Treiben zurück. Im Sommer feiern die Wildberger dort ihr Burgwallfest, zu dem Ortsvorsteher Ulrich Jaap auch Live-Bands engagiert. Eine Bühne wird nicht benötigt. Die Musiker klettern auf den Erdhügel. 20 Fuß hoch.

Quellen:

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg.

  • Zweite Auflage Berlin: Wilhelm Hertz 1865.
  • Dritte Auflage Berlin: Wilhelm Hertz 1875.
  • Fünfte Auflage Berlin: Wilhelm Hertz 1892 (Wohlfeile Ausgabe).
  • Große Brandenburger Ausgabe, Wanderungen, Band 6: Dörfer und Flecken im Lande Ruppin. Hrsg. von Gotthard Erler unter Mitarbeit von Therese Erler. Berlin: Aufbau-Verlag 1991.

Theodor Fontane: Notizbücher. Digitale Edition. Hrsg. von Gabriele Radecke. Göttingen 2015 ff. (Notizbuch A1).

Karl-Heinz Langer und Egbert Zemlin (Hrsg.): Wildberg. Mark Brandenburg (Reihe mit Beiträgen aus der 700-jährigen Geschichte). 2014 ff.

Egbert Zemlin: Wildberg. Eine Fotochronik. Karwe: Edition Rieger 2007.

Website Amt Temnitz: http://www.amt-temnitz.de/inhalte/amt_temnitz/_inhalt/navi_gemeinden/temnitztal/temnitztal

Und mehr über die Geschichte von Wildberg in: Robert Rauh, „Fontanes Ruppiner Land“ (Frühjahr 2019).

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