Wie Fühmann Fontanes Spuren verlor

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Wanderer zwischen den Welten: Joachim Seyppel (1919–2012), ca. 1970
Quelle: Dichterlesen.net

Zunächst sah es wie ein Überraschungscoup aus. Für ein Fontane-Projekt hatte der Ost-Berliner Aufbau-Verlag Ende der 1960er-Jahre ausgerechnet einen West-Berliner Autor gewonnen. Die DDR war kein Risiko eingegangen. Denn der Schriftsteller Joachim Seyppel (1919–2012) sympathisierte mit dem sozialistischen Experiment auf deutschem Boden und hatte bereits im Aufbau-Verlag seine westdeutsche Nachkriegs-Satire „Als der Führer den Krieg gewann“ (1965) veröffentlicht, die in der Bundesrepublik keiner publizieren wollte. Zwei Jahre später erhielt er nun den Auftrag – zusammen mit seiner amerikanischen Frau – auf Fontanes Spuren durch die DDR-Bezirke Frankfurt/Oder, Potsdam und Cottbus zu wandern. Seyppels Buch „Ein Yankee in der Mark“ erschien 1969 pünktlich zum 20. DDR-Jubiläum – und zum 150. Geburtstag Theodor Fontanes.

Was die Leserschaft im Vorwort von Cheflektor Günter Caspar allerdings nicht erfuhr: Das Auftragswerk war eigentlich als ein deutsch-deutsches Gemeinschaftsprojekt angelegt. Das DDR-Pendant sollte der Ost-Berliner Schriftsteller Franz Fühmann (1922–1984) schreiben. Fühmann, der im böhmischen Riesengebirge geboren und nach seiner Kriegsgefangenschaft 1949 in die DDR gekommen war, schien aufgrund seiner wirklichkeitsnahen Reportagen wie „Kabelkran und Blauer Peter“ (1961) über den VEB Warnow-Werft Warnemünde prädestiniert. Wie Seyppel machte sich Fühmann auf den Weg ins Fontane-Land, brach das Vorhaben jedoch vorzeitig ab.

Doppelte Wanderungen

Fühmanns Recherche-Notizen, Tagebucheinträge und kommentierte Exzerpte, die der Hinstorff Verlag erst lange nach dem Ende der DDR unter dem etwas irreführenden Titel „Das Ruppiner Tagebuch“ (2005) publizierte, werden im Fühmann-Nachlass des Literaturarchivs der Akademie der Künste aufbewahrt. Darin findet sich auch der kurze, bisher unveröffentlichte Briefwechsel zwischen den beiden Nach-Wanderern. Im September 1968 schreibt Seyppel, dass er Fühmanns „Rücktritt von der gemeinsamen Aufgabe“ bedaure. Er sei „immer kollektiv gewandert, immer mit dem Bewusstsein des Zuzweit“. Nun musste es „solo“ weitergehen. Ein kollektives Wandern war jedoch gar nicht vorgesehen. Laut „Perspektivplan 1969“ des Aufbau-Verlags sollten die Autoren 1967/68 „unabhängig voneinander Fontanes Wanderungen durch die Mark nachvollziehen und erzählen“, was sich seit Fontane verändert habe, „vor allem natürlich in den letzten zwei Jahrzehnten“.

Das Auftragswerk ist Teil einer „Fontane-Renaissance“, die in den 1960er-Jahren in eine neue Phase eingetreten war. Anfangs galt es in der DDR, den „alten Fontane“ als kritischen Realisten herauszuschälen, in dessen Roman „Effi Briest“, so Georg Lukács 1951, „die einfache Erzählung einer Ehe und ihres notwendigen Bruchs zu einer Gestaltung der allgemeinen Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft emporwächst“. Nach dem Bau der Mauer stand die Wiederentdeckung der „Wanderungen“ im Kontext des Versuchs, ein sozialistisches Heimatbewusstsein zu etablieren.

Fontane-Renaissance: DDR-Briefmarke, 1969
Quelle: Deutsche Post

Die Beobachtungen der modernen Wanderer durch Fontanes Brandenburg, wie Aufbau-Cheflektor Caspar 1969 erklärte, seien nun „für die Märker, die Mecklenburger, die Sachsen und die Thüringer, für unser Publikum hier“ bestimmt.

Großer Dichter, miserabler Reporter

Dass nun ausgerechnet die Ost-Sicht fehlte, muss der DDR auf dem gerade erst neu bestellten Feld der deutsch-deutschen „Wanderungen“-Adaptionen einer Niederlage gleichgekommen sein. Protokolliert ist allerdings nur, dass es dem Aufbau-Verlag „trotz aller Beredungskünste“ nicht gelungen war, Fühmann umzustimmen. Dessen Projektbeteiligung stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Während Seyppel im Spätsommer 1967 schon wanderte und erste Kapitel verfasste, gestand Fühmann im Oktober 1967 seinem Wanderungskollegen: „Mich verfolgt das Pech.“ Als er sich im August auf die Reise machen wollte, verbrannte sich seine Frau mit kochend heißem Wasser das Bein, dann fiel Fühmann selbst „auf die Nase“. Dass der Alkoholkonsum seine Gesundheit angriff, schrieb er nicht.

Im November konnte er endlich zum ersten mehrwöchigen „Studienaufenthalt“ in die ehemalige Grafschaft Ruppin aufbrechen, um „mit Gewalt in die Fontanespuren einzubrechen“. Fühmann exzerpierte Bücher, sammelte Materialien und protokollierte unzählige Interviews – vom LPG-Vorsitzenden bis zum Pfarrer. Im Unterschied zum „alten Meister“ wanderte er sogar. Je tiefer er in die Materie einstieg, desto mehr begann er sich vom „großen Dichter und miserablen Reporter“ Fontane abzugrenzen. Dessen „Wanderungen“, die er als „Miststücke von Büchern“ bezeichnete, attestierte er Fehler und Lücken. Und Fontanes „Parteilichkeit zugunsten des Adels“ nehme „manchmal schaurige Züge“ an.

Mit Gewalt in die Fontanespuren einbrechen: Neuruppin, Postkarte, ca. 1970
Quelle: Akademie der Künste

Nach sechs Tagen Feldforschung war Fühmann hoffnungsvoll, „dass aus diesem Vorhaben doch ein Büchel“ werden könne. Ein halbes Jahr später stand für ihn jedoch fest: „[D]ies Buch schreibe ich auf keinen Fall.“ Nach seiner zweiten Ruppin-Reise im Juni 1968 – dem „letzten redlichen Versuch“ – trat Fühmann vom Vertrag zurück und musste sich nun auch politisch verantworten. Er wehrte sich gegen den Vorwurf, er habe das Fontane-Projekt „aus einem geringschätzigen politisch-gesellschaftlichen Heimatbegriff der DDR“ im Kontext der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 aufgegeben. Tatsächlich stürzte ihn der gescheiterte Versuch, in der Tschechoslowakei einen „Sozialismus mit menschlichen Antlitz“ zu schaffen, in eine tiefe Lebens- und Schaffenskrise. Mit dem „Scheitern“ seines „Wanderungen“-Buches einen Monat zuvor hätte das aber „nichts zu tun“. Vielmehr halte er sich für dieses Vorhaben, „dessen Nützlichkeit und Wichtigkeit“ er nicht bestreite, „eben nicht für den geeigneten Autor“.

Chronik eines angekündigten Scheiterns

Warum Fühmann sich für ungeeignet hielt, verraten seine Ruppiner Notizen. Es ist die Chronik eines angekündigten Scheiterns. Gleich in den ersten Tagen meldet sich der innere Zensor zu Wort. Die Mahnung „Darf ich nicht schreiben“ zieht sich wie ein roter Faden durch seine Notizen: wenn er „grölenden“, betrunkenen Jungendlichen begegnet, wenn er das Verhalten sowjetischer Soldaten in Neuruppin beobachtet und wenn er die miese Gaststättenkultur beklagt oder die armseligen und tristen Ortschaften beschreibt. Spaziert Fühmann – wie Fontane – durch den Neuruppiner Tempelgarten oder am alten Stadtwall entlang, fragt er sich nicht zum letzten Mal: „Das ist ja alles höchst interessant für mich, aber für wen sonst?“

Wen interessiert das? Kirchhofportal in Karwe (bei Neuruppin), Fühmanns Skizze, Reisetagebuch 1967
Quelle: Akademie der Künste

Wie der „große Meister“: Kirchhofportal in Karwe, Fontanes Skizze, Notizbuch 1864
Quelle: Digitale Notizbuchedition

Digitalkamera statt Notizbuch: Kirchhofportal in Karwe, 2019
Foto: Robert Rauh

Ein weiteres Problem ist der Stoff, den Fühmann inhaltlich wie gestalterisch schlichtweg nicht zu fassen bekommt. Er weiß nicht, wie er bei all den Einzelaspekten in der Kürze der Zeit „zu einer Übersicht“ gelangen soll. Hätte er Fontanes Notizen gekannt, wüsste er, wie akribisch sich der „miserable Reporter“ auf seine oft nur kurzen Ausflüge vorbereitete und wie fokussiert er dabei vorging. Fühmann hingegen läuft häufig einfach drauf los und weiß bei Interviews mitunter nicht, was er noch fragen sollte. Als ein Betriebsdirektor von ihm wissen möchte, ob die Arbeitsabläufe „ein literarisches Thema“ wären, bejaht das Fühmann zwar, fügt aber hinzu, er wisse nur nicht, ob er „der richtige Mann“ dafür sei.

Dass er offenbar der falsche Autor war, schwante ihm schon am ersten Tag in Neuruppin: Fontane schaue zwar „abfällig“ auf den Ort, aber es sei immerhin dessen Heimatstadt. Fühmanns „Heimatkonstruktion“ sei dagegen „reine Spinne.“ Mittendrin stellte er resigniert fest, wie lächerlich es ist, durch ein Land zu reisen, dessen Sprache er nicht einmal verstehe. Er stolpere durch eine „Grafschaft Neuruppin“, die ihm „im Grunde genommen scheiß egal ist“. Und am Ende konstatierte Fühmann, die „Reisen nach Preußens Schoß“ hätten ihm deutlich gemacht, was er eigentlich sei: „ein österreichischer Schriftsteller“, dem nicht nur die Menschen und Landschaft, sondern auch die Geschichte und Kultur Brandenburgs fremd blieben. Und bleiben: Die Mark sei „Ersatz“ für Heimat, bekennt er 1980 in einem Interview, „nicht die Landschaft meines Herzens, nicht die Landschaft, aus der Dichtung wachsen könnte.“ Aber Fühmanns Scheitern bleibt nicht erkenntnislos: „Ich bin von der Theorie eines Heimatfindens ausgegangen. Sie hat sich als Fiktion erwiesen; für jede Zerstörung einer Illusion soll man dankbar sein.“

Zit. nach: Gabriele Radecke/Robert Rauh: „Miststücke von Büchern“. Franz Fühmann zum 100. Geburtstag; in: Berliner Zeitung, 15.1.2022

https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/franz-fuehmann-miststuecke-von-buechern-li.204210?pid=true

Titelbild:

Franz Fühmann, 1982
Quelle: Sächsische Zeitung

Quellen:

Der Nachlass von Franz Fühmann befindet sich im Literaturarchiv der Akademie der Künste.
Link zur Datenbank:
https://archiv.adk.de/bigobjekt/7648

Franz Fühmann: Das Ruppiner Tagebuch. Auf den Spuren Theodor Fontanes, Hinstorff Verlag, Rostock 2015

Literatur:

Uwe Wittstock: Franz Fühmann. Wandlung ohne Ende: Eine Biografie, Hinstorff Verlag, Rostock 2021

Gunnar Decker: Franz Fühmann. Die Kunst des Scheiterns: Eine Biografie, Hinstorff Verlag, Rostock 2009

Gabriele Radecke/Robert Rauh: Franz Fühmann als Wanderer auf den Spuren Theodor Fontanes in Brandenburg; in: Märkische Oderzeitung, 14. 1. 2022
https://www.moz.de/nachrichten/kultur/literatur-franz-fuehmann-als-wanderer-auf-den-spuren-theodor-fontanes-in-brandenburg-62022661.html

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