Märkisches Las Vegas in Weißensee

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Eine Tram-Fahrt mit der M 4 vom Alexanderplatz zum Weißen See dauert 16 Minuten. Vor 140 Jahren brauchte die Pferdebahn nur neun Minuten länger. Es gab noch keine Ampeln und weniger Stationen. Die „Line 62“ wurde 1877 von der Neuen Berliner Pferdebahn-Gesellschaft (NBPfG) eingeweiht und von den Berlinern, die am Wochenende zur Erholung ins Umland wollten, dankbar angenommen. Auch Fontane nutzte sie, als er 1878 nach Malchow, zu seiner einzigen „märkischen Weihnachts-Wanderung“ aufbrach. Für die Fahrt nach Weißensee zahlte er 20 Pfennig.

Märkische Weihnachts-Wanderung nach Weißensee

Beauftragt hatte ihn die Berliner Zeitschrift „Der Bär“, teilte er seinem „Wanderungen“-Verleger Wilhelm Hertz am 16. Dezember 1878 mit. Und er könne „nicht gut ‚nein‘ sagen“. Weil sich Fontane drei Tage später bei Hertz „von Malchow […] zurück“ meldete, ist davon auszugehen, dass er seinen Ausflug am 18. oder 19. Dezember unternahm. Zunächst wurde der Beitrag im Januar 1879 im „Bär“ und dann 1882 im Band „Spreeland“ unter dem Titel „Malchow. Eine Weihnachtswanderung“ veröffentlicht. Seinen Weg hat der berühmte Wanderer detailliert beschrieben: „Omnibusfahrt bis auf den Alexanderplatz, Pferdebahn bis Weißensee, und per pedes apostolorum [zu Fuß wie die Apostel] bis nach Malchow selbst“.

Nachdem Fontane am Alex den Pferdebahnwagen bestiegen hatte, kam es ihm so vor, „als wäre der Weihnachtsmann mit oder vor mir eingestiegen und gedenke seinen Einzug in Weißensee zu halten. Alle Plätze voller Kinder mit ihren Schulmappen auf dem Rücken, und hinten und vorn im Wagen und vor allem obenauf ganze Büsche von Weihnachtsbäumen.“ Das sei „viel vergnüglicher als die Vergnügungslokale, die mit ihren grasgrünen Staketenzäunen halbverschneit am Wege lagen“. Welche Lokale Fontane genau meinte, lässt er offen. Sein Ziel war ja Malchow, wo er – Hallelujah – vor allem in die Kirchengruft wollte. 

Unbekannte Notizen über Weißensee

Genaueres erfährt man in Fontanes Notizbüchern, die mehr Informationen über seine Tour nach Malchow enthalten als der gedruckte Text. Weil die Handschrift unruhig und an einigen Stellen etwas verschmiert ist, sind die Aufzeichnungen vermutlich unterwegs, vielleicht sogar im Fahren entstanden. Ein weiteres Indiz ist ein unplanmäßiger Halt. „Stillstand“, notiert Fontane, „Die Kummet [Geschirr, um Zugtiere einzuspannen] war gerissen.“ So beobachtet Fontane im Wagen nicht nur „frisch aussehende Jungen [die Schulkinder] mit spitzen Schaffellmützen“, sondern auch weniger Vergnügliches auf der Fahrbahn: „eine Trauerkutsche, vom Kirchhof zurück, ein junges Elternpaar darob. Sie hatten ihr Kinde begraben, vielleicht ihr erstes.“ Erwähnt werden auch die „Vergnügungslokale“, die im Notizbuch nun Namen erhalten. Zunächst sind es Gaststätten wie „zum Greifswalder Schlößchen“, die er als „wunderbare Schöpfungen der Kunst und des Gefühls für Comfort“ charakterisiert. 

Unruhig und etwas verschmiert: Fontanes Reisenotizen von 1878, Transkription der ersten drei Zeilen: „Malchow / Von Berlin bis Weißensee / Pferdebahn. Schulkinder“
Quelle: Digitale Notizbuchedition [B1, 36r]

Dann, nachdem es „[e]ndlich mit Hülfe einer Eisenkette“ wieder vorwärts geht, folgen „Kaffeküche“, „Tanzsaal“, „Jägerhaus“ und am Schluss – deutlich größer geschrieben – das „Schloss-Restaurant“. Hier, am Schloss „Weissensee“, befand sich die Endstation der Pferdebahn. Der heutige Weg, der neben dem Kulturhaus „Peter Edel“ zum See führt, bildete die Wendeschleife.

Wendeschleife am Schloss: Endstation der Pferdebahn, Foto um 1900
Quelle: Archiv Haslau

Nichts mehr zu sehen: Ehemaliger Standort von „Schloss Weissensee“ (hinter dem heutigen „Bildungs- und Kulturzentrum Peter Edel“), 2019
Foto: Robert Rauh

Märkisches Las Vegas der Jahrhundertwende

Dort, am Südufer des Weißen Sees, stand auch ein repräsentatives Gutshaus, das der Naturwissenschaftler und Politiker Friedrich Wilhelm Lüdersdorff 1859 errichtet hatte und das im Volksmund „Schloss“ genannt wurde. Wenig später verlor es seine Funktion als Residenz und wurde ab 1874 als Lokal genutzt. Drei Jahre später pachtete der Unternehmer Rudolf Sternecker das „Schloss-Restaurant“. Ob es Fontane bei seinem Zwischenstopp besuchte, „verrät“ er uns nicht. Die folgende Notizbuchseite bleibt – bis auf den Schriftzug „Weißensee“ am oberen Rand – leer.

Auch Sterneckers Kassen füllten sich nicht, sodass er seine Pläne, am Weißen See einen Vergnügungspark zu etablieren, zunächst aufgab, Richtung Hasenheide zog und dort 1880 die „Neue Welt“ eröffnete. Fünf Jahre später kehrte er mit genügend Kapital zurück und gründete das „Welt-Etablissement Schloss Weißensee“ – ein märkisches Las Vegas der Jahrhundertwende. Um das Schloss entstanden eine „Conditorei“, ein „Bal champêtre“ [Ländliches Ballhaus] für 2.500 Personen, eine muschelartige Musikhalle, die 100 Musikern Platz bot, ein Zigarrenkiosk mit orientalischen Bauelementen und ein Pavillon im Stil einer Gerichtslaube, wo Weißbier ausgeschenkt wurde. 1887 eröffnete Sternecker in der Königschaussee [heute: Berliner Allee] seine eigene Brauerei. Es wurden Ballonfahrten angeboten und auf dem Weißen See historische Seeschlachten inszeniert.

Davon ist heute nichts mehr zu erleben. Das Schloss brannte 1919 ab, die Brauerei schloss drei Jahre später. Schankbetrieb gibt es nur noch im Strandbad und im „Milchhäuschen“. Und um den Weißen See ist es in den Wintermonaten dunkler als damals. Fontane wurde auf dem Rückweg seiner Weihnachts-Wanderung „eine gute Strecke“ von einem Malchower Wirt begleitet, „bis die Lichter von Weißensee hell auf meinen Weg fielen.“

Las Vegas am Weißen See: Musikpavillon im „Weltetablissement Weißensee“ von Rudolf Sternecker,
Foto um 1890,
Quelle: Wikipedia

Quelle:

Berliner Zeitung vom 27.12.2019
https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/eine-maerkische-weihnachts-wanderung-li.3898?pid=true

Titelbild:

Der Weiße See, im Hintergrund: Strandbad „Weissensee“, 2019
Foto: Robert Rauh

Literatur:

Theodor Fontane, Spreeland (Wanderungen durch die Mark Brandenburg), 1. Auflage, Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin 1882.
Kapitel «Rechts der Spree», Unterkapitel: «Malchow. Eine Weihnachtswanderung»

Theodor Fontane, Spreeland (Wanderungen durch die Mark Brandenburg), 2. Auflage («Wohlfeile Ausgabe»), Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin 1892.
Kapitel «Rechts der Spree», Unterkapitel: «Malchow. Eine Weihnachtswanderung»

Theodor Fontane, Notizbücher. Digitale Edition, hrsg. von Gabriele Radecke. Göttingen 2015 ff. [B1, 1878]. https://fontane-nb.dariah.eu/index.html

Michael Haslau/Joachim Bennewitz, Rund um den Weißen See. Historischer Spaziergang durch Brlin-Weißensee, Sutton Verlag, Erfurt 2017.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.