Fontanes Netzwerkerin

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Beste Freundin

Das Leben habe ihn gelehrt, „dass alles auf die Menschen ankommt, nicht auf die sogenannten Verhältnisse“. Fontane, der häufig unter den Verhältnissen litt, hatte Glück mit den Menschen. Er hatte Freunde, die an ihn glaubten und die ihm oft uneigennützig halfen. Zu ihnen gehörte das adlige Stiftsfräulein Mathilde von Rohr – eine Freundin par excellence. Seinen biografischen Essay zu ihrem Tod eröffnete Fontane mit dem Satz: „Das alte Fräulein hatte ich Glück zu kennen […].“ Obwohl der Aufsatz über Mathilde von Rohr (1810-1889) zu Fontanes Lebzeiten in keinem Wanderungen– Band erscheinen konnte, sind Fontane, seine Wanderungen und Mathilde untrennbar miteinander verbunden.

Nachdem sich Fontane und Mathilde um den Jahreswechsel 1859/60 kennengelernt hatten, entwickelte sich eine über drei Jahrzehnte andauernde Freundschaft, die auch anhielt, als Mathilde 1869 in das Damenstift Dobbertin übersiedelte. Wie vertraut es zwischen Dichter und Konventualin zuging, dokumentieren die über zweihundert erhaltenen Fontane-Briefe an „mein gnädigstes Fräulein“. Ihre „freundschaftliche Gesinnungen“ zählte er zu den „Errungenschaften“ seines Lebens.

Geschichten aus Trieplatz

Mathilde steht Fontane nicht nur mit Rat und Tat zur Seite, sondern versorgt ihn mit zahlreichen Informationen über märkische Adelsgeschlechter, die der Autor in den Wanderungen und einigen Romanen verarbeitet.

Stiftsdame mit Stil: Mathilde von Rohr, Porträtmedaillon, Künstler unbekannt, o.J.
Quelle: Fontane-Archiv

Der Plot zum Schach von Wuthenow stammt beispielsweise von ihr. Und die Entstehung der Dosse-Kapitel „Trieplatz“ und „Tramnitz“ für die 3. Auflage der Grafschaft Ruppin (1875) sind ohne ihre Mithilfe nicht denkbar. Schließlich war Mathilde in Trieplatz geboren und aufgewachsen.

Mit DDR-Grauputz überzogen: Das „neue Gutshaus“ von Trieplatz, 2019
Foto: Robert Rauh

Nach seiner Reise ins Ruppiner Land im Herbst 1873 schrieb Fontane der Rohr, er könne mit dem Ergebnis „sehr zufrieden sein; es hat mir mannigfachen und zum Teil sehr guten Stoff abgeworfen. Hierher rechne ich auch Trieplatz, wobei ich freilich nicht vergessen darf, dass ich die Hauptsache Ihnen persönlich zu verdanken habe“. Der Ort Trieplatz, der in den Wanderungen den Untertitel „Ein Kapitel von den Rohrs“ erhielt, sollte ihrer Familie gewidmet sein. Daher verwundert es, dass Mathilde in diesem Kapitel keine Rolle spielt. Sie wird nicht porträtiert, ihr wird nicht gedankt, sie wird nicht einmal erwähnt. Auch nicht als Informantin. Sie wollte es nicht.

So tritt sie im „Ganzer“-Kapitel nur als Ghostwriterin auf. Fontane beschreibt, wie er im „Jürgaßschen Herrenhause“ einer schlanken, blassen Dame, „Tante Helene“, begegnet, die ihm „alles schreibt und erzählt, was ich von meinem hochverehrten Fräulein v. Rohr, die das Glück hat, gesund zu sein und gar nicht blass auszusehn, alles erfahren habe. Übrigens kann kein Mensch erraten“, beruhigt er Mathilde in seinem Brief vom 2. September 1861, „dass es von Ihnen stammt“.

Kein Einzug in die Wanderungen

Mathilde von Rohr in den Wanderungen zu würdigen, hatte Fontane aber durchaus vor. Ende Dezember 1888 fragte er bei seinem Verleger Hertz an, ob eine neue Auflage des Ruppiner Bandes – es ging um die fünfte und letzte Auflage zu Fontanes Lebezeiten – denkbar sei und ob er, um „das Werk abzurunden, auch ein Kapitel über Mathilde von Rohr, ein wundervoller Stoff“, aufnehmen könne. Das komme allerdings „nur in Frage, wenn sie bis dahin nicht mehr unter uns weilen sollte, lebt sie länger, so kommt dieses Kapitel in Wegfall“.

Sie hatte nur Liebe und Güte für mich: Grabstein für Mathilde von Rohr auf dem Klosterfriedhof in Dobbertin, 2019
Foto: Robert Rauh

Mathilde starb ein Jahr später und Fontane konnte das Kapitel bei Hertz einreichen. In der fünften, der Wohlfeilen Ausgabe (1892), fehlt es dann aber. Jeannette von Bülow, „die Erbin meiner Fräulein-v.-Rohr-Freundin“, der er den Aufsatz „zur Begutachtung“ geschickt hatte, machte dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Fontane konnte sich mit ihr ungeachtet seiner „Änderungsgeneigtheit“ nicht einigen. Immerhin erschien der Aufsatz „Mathilde von Rohr“ im gleichen Jahr in der Zeitschrift Daheim. Und Fontanes Tochter Martha sorgte dafür, dass der Beitrag in der achten Auflage von 1903 posthum in die Wanderungen aufgenommen wurde.

Romantisch und denkmalgeschützt am Dobbertiner See gelegen: Kloster Dobbertin (Mecklenburg-Vorpommern), Luftaufnahme, ca. 2010
Foto: REIN DESIGN (Markus Rein)

 

Quelle:

Theodor Fontane, Wundersame Frauen. Weibliche Lebensbilder aus den «Wanderungen durch die Mark Brandenburg», hrsg. von Gabriele Radecke und Robert Rauh, Manesse Verlag, Zürich 2019, S. 35f., 133–135.

Titelbild:

Kloster Dobbertin, Luftaufnahme, 1930
Foto: Sammlung Horst Alsleben

Literatur:

Theodor Fontane, Mathilde von Rohr, Konventualin zu Kloster Dobbertin; in: Daheim. Band 28, 1892, Nr. 24, S. 374–376, Nr. 25, S. 390–391

Theodor Fontane, Sie hatte nur Liebe und Güte für mich. Briefe an Mathilde von Rohr, hrsg. von Gotthard Erler, Berlin 2000, S. 7–27.

Horst Alsleben (unter Mitarbeit von Gabriele Liebenow), Mathilde von Rohr und das Kloster Dobbertin. Festschrift zum 200. Geburtstag einer Freundin Theodor Fontanes, Dobbertin 2010.

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