Hoppenrade
Lage | Hoppenrade Ortsteil der Gemeinde Löwenberger Land Landkreis Oberhavel |
Fontanes erster Besuch | 1861 |
Notizbuchaufzeichnung | keine Reisenotizen überliefert |
Erstdruck im Journal
| Fontane: Hoppenrade und die „Legende von der Krautentochter“ Vossische Zeitung (1882) |
Erstveröffentlichung im Buch
| Fontane: Fünf Schlösser (1889) Hoppenrade (3. Kapitel) |
Rezeption | Lorenz/Rauh: Fontanes Fünf Schlösser (2017, 1. Aufl.) Hoppenrade (1. Kapitel) |
Hoppenrade in Fontanes Buch Fünf Schlösser (1889)
Das Dunkel zu lichten
Fontanes Interesse an Hoppenrade geht auf das Jahr 1861 zurück, als er den Ort auf seiner „märkischen Reise“ erstmals besuchte. Nach einem Rundgang durch das unbewohnte, aber nicht herrenlose Schloss, entdeckte Fontane ein Wappen, befragte eine alte Dorfbewohnerin und verließ eine Stunde später Hoppenrade, fest entschlossen, das Dunkel nach Möglichkeit zu lichten. Des Dichters Neugierde war geweckt: es verlangte mich, mehr zu wissen. Mit diesem Entschluss und seinen ersten Eindrücken vom Schloss eröffnet Fontane später das Hoppenrade-Kapitel in seinem Buch Fünf Schlösser (1889).

Heruntergekommen: Hoppenrade, um 1920
Quelle: Archiv Brauer

Herausgeputzt: Hoppenrade, 2015
Foto: Erik Lorenz
Die legendäre „Krautentochter“
Seine Neugierde galt vor allem der berühmtesten Besitzerin von Schloss Hoppenrade: Luise Henriette Charlotte von Kraut (1762-1819). Über die legendäre „Krautentochter“ begann er ab 1864 intensiv zu recherchieren. Ende des 18. Jahrhunderts war sie durch Erbschaft in den Besitz Hoppenrades gelangt. Die Krautentochter baute den Herrensitz aus und veranstaltete Feste und Theaterspiele nach dem Vorbild des Rheinsberger Hofes des Prinzen Heinrich, der oft zu Gast in Hoppenrade war. Ihre drei Ehen und ein Duell (ihretwegen) stehen auch im Mittelpunkt von Fontanes Hoppenrade-Kapitel.
Aus der Familie des dritten Ehemanns, Rittmeister Friedrich Rudolph Karl von Arnstedt, stammt Fähnrich Emil von Arnstedt, der 1837 hingerichtet wurde, weil er seinen Vorgesetzten ermordet hatte. Dessen Briefwechsel mit einem Vetter protokolliert Fontane im letzten Teil des Kapitels.

Drei Ehen und ein Duell: Hoppenrades Kautentochter, zeitgenössisches Gemälde, um 1800
Hoppenrade im neuen Buch Fontanes Fünf Schlösser
Filmkulisse für Effi Briest
Fontane war skeptisch, was nach dem Tod von seinem literarischen Werk noch gelesen werde. Aber was würde der Dichter wohl sagen, wenn er wüsste, dass Effi Briest (1895) – inzwischen ein Roman-Klassiker – ausgerechnet auf dem verwunschenen Schlosse Hoppenrade neu verfilmt wurde? Schloss und Park dienen der Regisseurin Hermine Huntgeburth als Kulisse für das Elternhaus Briest. Und als Effi lässt sie die Schauspielerin Julia Jentsch durch den Schlosspark sausen. Der Film startet nachts – mit einem opulenten Fest, für das die Schlossfassade mit Markisen und künstlichem Efeu ausstaffiert wurde (2007; Premiere: 2009).

Effis Nacht: Dreharbeiten, 2007
Foto: Sebastian Krahn
Rundgang heute – und durch die Geschichte
Wir nehmen Sie in unserem Buch Fontanes Fünf Schlösser (2017) mit auf eine exklusive Schlossführung – zusammen mit dem jetzigen Eigentümer Julian Graf von Hardenberg, der den einstigen Herrensitz in den letzten Jahren umfangreich saniert hat. Der Rundgang durch die Räume, die bereits Fontane durchschritt, bietet auch den Rahmen für einen Blick in die Geschichte des Schlosses, das noch heute zu verzaubern weiß: Vom Mythos „Krautentochter“ über die DDR-Nutzung als Konsum, Kneipe, Klub und Bohème für Ost-Berliner Künstler bis zum Westberliner Klaus Fehsenfeld, dem ersten Besitzer nach der Wiedervereinigung.

„Auf den Reichtum und guten Geschmack“: Eingangshalle im Schloss, 2016
Foto: Donata von Hardenberg

Schnurgerade Achse: Enfilade im Schloss, 2016
Foto: Donata von Hardenberg
Verfall und neuer Glanz
Klaus Fehsenfeld begann das Schloss in den 1990er-Jahren vor dem Verfall zu retten und finanzierte die behutsame Restaurierung auch mit der Vermietung des Herrensitzes an Hochzeits- und Filmgesellschaften. Gedreht wurde hier – neben Effi Briest – auch Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann (2010; Premiere: 2012). Klaus Fehsenfeld fragen wir, was ihn an Hoppenrade so faszinierte und warum er „sein“ Schloss überraschend verkaufte. Und von den neuen Besitzern, Donata und Julian von Hardenberg, wollen wir wissen, wie sie das komplett und aufwändig renovierte Anwesen künftig nutzen werden – und wie sie die Dorfbewohner aufgenommen haben?

Konsum, Kneipe, Klub: Schloss Hoppenrade als Volkseigentum (DDR), 1983
Foto: Katharina Brauer
Schloss als Nische
In den 1970er-Jahren wurde das Schloss von DDR-Künstlern genutzt: privat – und ohne den Segen der SED. Hoppenrade wurde nun „verwunschener Ort“ für Ostberliner Bohemiens. Die Fotografin Sibylle Bergemann kam 1972 für eine Reportage nach Groß-Mutz, einen Nachbarort von Hoppenrade. Weil ihr Mann, der Maler und Fotograf Arno Fischer, zu der Zeit gerade viele Schlösser malte und gern mal in einem Schloss wohnen wollte, fragte Bergemann – eher aus Jux – den Dorfbürgermeister, ob man nicht irgendwo in der Gegend ein Schloss mieten könne. Als der das bejahte, fackelte das prominente Berliner Künstlerehepaar nicht lange und mietete im Obergeschoss drei Räume für monatlich 37,40 Mark der DDR. In Arno Fischers Personalausweis stand nun „Schloss Hoppenrade“ – als Zweitwohnsitz.

Ostberliner Bohme in der Mark: Sibylle Bergemann und Arno Fischer auf dem Balkon von Schloss Hoppenrade
Quelle: Nachlass Roger Melies / Mathias Bertram; aus: Lorenz/Rauh: Fontanes Fünf Schlösser, be.bra, 2017
Kapelle im Rokokostil
Während Fontane bei seinem Besuch in Hoppenrade Frau Stägemann, das alte Mütterchen, über die Krautentochter befragte, treffen wir Frau Hadorf, die älteste Bewohnerin, die das Schloss noch aus der Zeit vor der Enteignung 1945 kennt und über ein phänomenales Gedächtnis verfügt.
Wir besichtigen die Schlosskapelle, der Fontane schon voller Bewunderung das Ansehen eines Rokokosaales bescheinigte. Was planen der neue Schlossherr und die evangelische Kirche für die Zukunft der Schlosskapelle?

Rokoko im Dorf: Schlosskapelle Hoppenrade mit Kanzellaltar (von 1724), 2016
Foto: Robert Rauh
Die Rückkehr der Löwen
Es waren einmal zwei Löwen auf der Brücke. Sie thronten mit ihren furchteinflößenden Blicken auf den Brückenpfeilern und hielten mit den Wappen der Besitzer Wache. Wenn man von der Rüsterallee kommt, eröffnet die romantische Klinkersteinbrücke wie ein Löwentor den Zugang zum Ehrenhof von Schloss Hoppenrade. Als das Schloss 1945 herrenlos wurde, verwilderten die Tiere – und drohten von der Brücke zu stürzen. Und dann waren sie plötzlich weg.

Noch thront er: Der Heyden-Werthern-Löwe, 1938
Quelle: Archiv Klaus Fehsenfeld

Nur noch die Tatzen: Pfote des (1965) „geraubten“ Löwen, 2016
Foto: Robert Rauh
Wie und wo sie verschwanden – das ist eine verrückte und zugleich amüsante Geschichte. Sie ist ziemlich komplex und reicht weit in die Vergangenheit zurück. Bei der Spurensuche geholfen hat uns ein ausgewiesener Brandenburg-Kenner: der Schriftsteller Günter de Bruyn (1926–2020). Die ganze Geschichte in: Fontanes Fünf Schlösser.

Rückkehr nach Jahrzehnten: Der neue Hardenberg-Löwe („Ortsbegehung“ mit Julian von Hardenberg, r.), 2022
Foto: Robert Rauh
Chronik von Schloss Hoppenrade
1269 | erste urkundliche Erwähnung von Hoppenrade |
15. Jh., (event. 1460) | Ära der Familie von Bredow: Hans von Bredow erhält Hoppenrade als Lehen vom Bischof von Brandenburg; er ließ eine Wasserburg mit Wehrcharakter erbauen; 1723 abgetragen |
1723/24 | Bau einer barocken einstöckige dreiflüglige Anlage durch Johann Heinrich von Bredow (1676-1739), Domprobst zu Havelberg |
1725 | Einrichtung einer Schlosskappelle in südwestlichen Flügel |
1745 | Vormund der geisteskranken Söhne des Domprobstes wird lt. Testament der Witwe Konstanze Amalie Sophie von Kraut (1676-1745) zunächst der Hofmarschall Karl Friedrich von Kraut (1703-1767) |
1788 | Besitzerin wird Luise Henriette Charlotte von Kraut (1762-1819), die legendäre Krautentochter |
um 1800 | Umgestaltung der Dreiflügelanlage im Stile des spätbarocken Klassizismus und Erhöhung des Mittelbaus um ein zweites Geschoss |
1860-1945 | Ära der Familien von Heyden und von Werthern |
1861 | erster Besuch Fontanes |
1944/45 | Unterbringung von drei Dutzend Flüchtlingsfamilien |
1945-90 | Enteignung; in der DDR beherbergte das Schloss den Rat der Gemeinde, Kneipe, Konsum, Obstannahmestelle, Jugendclub und Gemeindesaal. Außerdem wurden in den 1970er-Jahren einige Räume durch Ostberliner Künstler genutzt. |
1991 | Kauf durch Klaus Fehsenfeld; umfangreiche Rekonstruktion und Vermietung an Hochzeits- und Filmgesellschaften |
2012 | Kauf durch Julian und Donata von Hardenberg, die das Schloss aufwändig renovierten und nun ausschließlich privat nutzen |
Literatur
- Erik Lorenz/Robert Rauh: Fontanes Fünf Schlösser. Neue und alte Geschichten aus der Mark Brandenburg, be.bra Verlag, Berlin 2026; Hoppenrade: S. 13–70, Epilog (Löwen-Geschichte): S. 268–275.
- Rüdiger von Voss, Sibylle Badstübner-Gröger, Donata von Hardenberg: Hoppenrade. Schlösser und Gärten der Mark. Heft 151, Nicolai Verlag, Berlin 2017.

