Der groteske Glockenturm von Molchow

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Rund 40 Meter trennen das River Café von Molchow. Aber der Weg über den Rhin ist nicht passierbar, weil die alte Brücke seit 2016 gesperrt ist. Ortsfremde, die von Molchow gern in das idyllisch am anderen Ufer gelegene Café wollen, werden auf Zetteln an Bäumen oder von den Molchowern über das Brücken-Desaster aufgeklärt. Das Hickhack um den Neubau hält seit zehn Jahren an.

Molchow in Fontanes Notizbuch von 1873.
Quelle: Digitale Notizbuchedition

Fontane kam im Herbst 1873 ungehindert über den Rhin in „das alte Dorf Molchow“ – über „eine Schmalung des gleichnamigen Sees hinweg“. Ob es sich dabei um eine Brücke handelte, kann nur gemutmaßt werden. Historische Postkarte aus dem 20. Jahrhundert zeigen eine Holzbrücke. Sie wurde Mitte der 1980er Jahre durch eine Stahlkonstruktion ersetzt, die nun nicht mehr tragfähig war und abgerissen wurde.

Unheimlich wie der Turm

In Molchow, heute ein Ortsteil von Neuruppin, fand Fontane „alles hell und licht“, schreibt er in den „Wanderungen“. Mit Ausnahme eines rondellartigen Grasplatzes „inmitten des Dorfes“. Auf ihm werde begraben, „mehr in Unkraut als in Blumen hinein“. Aus der Mitte dieses Platzes „wächst ein Turm auf, unheimlich und grotesk, als hab ihn ein Schilderhaus mit einer alten Windmühle gezeugt“. Unheimlich wie der Turm sei auch „die alte Glocke“.

In seinem Notizbuch vermerkt Fontane hingegen nüchtern „Glockenthurm. Holz“. Und berichtet über die Herkunft der Glocke: Die Molchower hätten sie „bei Eggersdorf, zwischen zwei Bäumen hängend, gefunden“. In den „Wanderungen“ poetisiert der Dichter wie gewohnt: Die Molchower fanden die Glocke „auf einer halb Heide gewordenen, halb waldbestandenen Feldmark zwischen zwei Bäumen aufgehängt“. Sie „erbarmten sich des Findlings und bauten ihm diesen Glockenturm“.

Tatsächlich ist die Herkunft der Glocke von 1522 ungewiss. Aber Fontane war im Turm, der 1692 errichtet und zu DDR-Zeiten 1985 restauriert wurde. Mit Ortsvorsteher Uwe Schürmann folgen wir den Spuren des Wanderers nicht über „eine Leiter“, sondern über eine moderne Holztreppe. Die Glocke verunzieren angeschlagene Ränder und ein Riss. Aber die Inschrift ist noch zu erkennen und stimmt mit der von Fontane notierten überein: „Ave Maria, gratia plena“ [Ave Maria, voll der Gnade].

Glockenturm mit Kriegerdenkmal: Postkarte von 1926.
Quelle: Regionalverlag Ruppin

In seinem Notizbuch vermerkt Fontane hingegen nüchtern „Glockenthurm. Holz“. Und berichtet über die Herkunft der Glocke: Die Molchower hätten sie „bei Eggersdorf, zwischen zwei Bäumen hängend, gefunden“. In den „Wanderungen“ poetisiert der Dichter wie gewohnt: Die Molchower fanden die Glocke „auf einer halb Heide gewordenen, halb waldbestandenen Feldmark zwischen zwei Bäumen aufgehängt“. Sie „erbarmten sich des Findlings und bauten ihm diesen Glockenturm“.

Tatsächlich ist die Herkunft der Glocke von 1522 ungewiss. Aber Fontane war im Turm, der 1692 errichtet und zu DDR-Zeiten 1985 restauriert wurde. Mit Ortsvorsteher Uwe Schürmann folgen wir den Spuren des Wanderers nicht über „eine Leiter“, sondern über eine moderne Holztreppe. Die Glocke verunzieren angeschlagene Ränder und ein Riss. Aber die Inschrift ist noch zu erkennen und stimmt mit der von Fontane notierten überein: „Ave Maria, gratia plena“ [Ave Maria, voll der Gnade].

Unheimlich wie der Turm: Die angeschlagene Glocke mit der Inschrift „Ave Maria, gratia plena“.
Foto: Robert Rauh

Kein Kapitel in den „Wanderungen“

Kein Kapitel in den „Wanderungen“, aber Kunst am Bau: Glockenturm von 1692 mit Fontane-Figur.
Quelle: Robert Rauh

Keine Gnade jedoch für Molchow. In den „Wanderungen“ wird der Ort zwar erwähnt, aber erhielt kein eigenes Kapitel. Dafür bekam das Dorf Fontane. Schürmann hatte 2016 eine der Figuren des Künstlers Otmar Hörl erworben und wollte sie in der Dorfmitte aufstellen. Weil sich sechs Ausschüsse mit dem Ansinnen befassen mussten, stand der gelbe Fontane ein Jahr in seinem Wohnzimmer. „Der Prozess der Genehmigung sei auch „eine Art von Kunst“, sagt Schürmann schmunzelnd und schaut aus seinem Haus zu Fontane, der seit 2017 vor dem Glockenturm steht.

Während die Story um die Aufstellung der Fontane-Figur einer Provinzposse gleicht, ist die Geschichte über die Molchow-Brücke ein teures Trauerspiel. Zunächst rechnete Neuruppin mit 750.000, jetzt sind es 2,5 Millionen Euro. Zunächst war die Fertigstellung für das Fontane-Jahr 2019 geplant, nun soll die Brücke im Frühjahr 2020 eingeweiht werden. Wenn aber die ersten Molchower über die fontaneske „Schmalung“ flanieren, wird der Ärger Geschichte sein. 

Quelle:
Märkische Allgemeine Zeitung vom 20.7.2019

https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Neuruppin/Der-groteske-Glockenturm-von-Molchow

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