Fontanes Wustrau

Was Fontane in seiner „Grafschaft Ruppin“ über Wustrau schrieb …

Es entspricht ihm nicht

Fontane erreichte Wustrau über den Ruppiner See, der fast die Form eines halben Mondes hat. Wustrau, der Wohnsitz des legendären Husarengenerals Zieten, liegt etwas zurückgezogen vom See. Prominenter gelegen ist hingegen das Herrenhaus, das landeinwärts einen Blick auf Dorf, Kirche und Kirchhof gestattet, und zur anderen die Aussicht auf den See.

Fontane, der das Dorf 1859 und 1861 besuchte – und wahrscheinlich auch 1864, wie die neue digitale Edition der Notizbücher von Gabriele Radecke „verrät“ -, beschreibt im Kapitel „Wustrau“ das Herrenhaus, das einer Art Zieten-Galerie gleiche, die Kirche, die das Ideal von einer Dorfkirche sei, sowie die Grabstätten derer von Zieten. Kritisch kommentiert er zwei Denkmäler des alten Zieten, eines in der Kirche: Es reiche an ihn selber nicht heran; es entspricht ihm nicht. Und das berühmte von Schadow (auf dem Berliner Wilhelmplatz), dessen vielbetonte realistische Auffassung aber mehr scheinbar als wirklich ist.

Klein wie er war

Wenig übrig hatte der Dichter auch für den Sohn des alten Zieten. Der Landrat war eine wenig erfreuliche Erscheinung: kleinlich, geizig, unschön in fast jeder Beziehung. Die wenig schmeichelhafte Charakterisierung krönt der Dichter mit einer Anekdote: Klein wie er war, verlangte doch Raum im Tode. Abseits von den Familiengräbern ließ er sich zu Lebzeiten ein Hünengrab errichten, das er 1844 dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. präsentierte. Der König wies auf eine Stelle des Riesenfeldsteins und sagte: „Zieten, der Stein hat einen Fehler“, worauf der alte Herr erwiderte: „Der drunter liegt, hat noch mehr.“  Bissig merkt Fontane an: Diese Antwort ist so ziemlich das Beste, was vom letzten Zieten auf die Nachwelt gekommen ist.

Beschwerde der Erben

Prompt folgte die Beschwerde der Erben, als das Wustrau-Kapitel in der „Kreuzzeitung“ 1859 vorab erschienen war. Die Beschreibung des Landrats blieb jedoch in den Wanderungen (be)stehen; auch dieser Sarkasmus: Selber eine Kuriosität, brachte er es über die Kuriositätenkrämerei nie hinaus.

Wer jetzt die Seeschlacht zwischen den Juniors derer von Zieten und Knesebeck auf dem Ruppiner See vermissen sollte; sie ist bei Fontane geografisch im nächsten Kapitel angesiedelt: in „Karwe“. 

Wustrau 2.0

Was Sie in „Fontanes Ruppiner Land“ über Wustrau erwartet … 

Es hält kein Schiff mehr in Wustrau

Wustrau über das Wasser zu erreichen – wie einst Fontane – ist zurzeit nicht möglich. Zumindest mit dem Ausflugsdampfer. Das Schiff aus Neuruppin dreht an der Südspitze des Ruppiner Sees einfach wieder um. Weil der Steg in Wustrau gesperrt ist. Von einem Privatmann, der den Anleger gekauft hat. Zu Unrecht, sagen die einen. Aus Rache, andere. Was zunächst wie eine Provinzposse klingt, hat ernsthafte Folgen: für die Fahrgastschifffahrt und für Wustrau.

Sechs Lokalitäten, zwei Museen und ein Schloss

Denn das Dorf hat für Brandenburger Verhältnisse viel zu bieten: sechs Lokalitäten, zwei Museen, ein Schloss. Und auch Fontanes Halbmondsee ist ein Standortfaktor für den Tourismus.

Aber echte Wustrauer ficht der Steg-Streit nicht an. Man weiß um den historischen Wind, der seit Jahrhunderten durchs Dorf weht. Schließlich pustet man kräftig mit. Und pflegt die Traditionen: 2017 wurde das 555. Dorfjubiläum gefeiert, was dem skurrilen Landrat Zieten sicher gefallen hätte.

Weitblick statt Krämerei

Schon zwei Jahre zuvor zelebrierten die umtriebigen Wustrauer eine öffentliche Rehabilitierung des Landrats Zieten, der knapp zwei Jahrhunderte im Schatten seines berühmten Vaters, des legendären Husarengenerals, stand. Es galt vor allem die respektlose Beschreibung des Landrates (vgl. Fontanes Wustrau) durch den ansonsten sehr verehrten Dichter zu revidieren. Die Wustrauer würdigten Friedrich Christian Ludwig Emil Graf von Zieten anlässlich seines 250. Geburtstages im Jahr 2015 mit einem Kostümumzug und in ihren Festtagsreden als zwar äußerlich Unscheinbaren, in seinen Handlungen jedoch weitblickend und verantwortungsvoll für den Ruppiner Kreis. Hier hinterließ er zahlreiche Spuren, auch originelle: den riesigen Unterkiefer eines Walfisches, der noch heute neben der Kirche steht.

Blick aufs und ins Museum

Präsenter ist natürlich der berühmte Vater: Das Berliner Schadow-Denkmal des Husarengenerals Zieten steht seit 1999 als Nachguss nun auch in Wustrau. Wenn das Fontane wüsste – der Dichter hatte es einst bemängelt (vgl. Fontanes Wustrau). Warum Fontanes Kritik nicht in Stein gemeißelt ist, wird zu belegen sein. Hier nur soviel: Das Standbild für Wustrau hat Ehrhardt Bödecker gestiftet. Es steht im Pfarrgarten – neben dem Brandenburg-Preußen Museum, das der 2016 verstorbene Bankier und Preußenfan Bödecker gegründet hat. Über historische Lücken im Museum und die künftige Konzeption spreche ich mit dem neuen Museumsleiter Stephan Theilig, der für Geschichte brennt und sie begeistert zu vermitteln versteht. 

Exklusiv im Zietenschloss

Stefan Tratz, Direktor der Deutschen Richterakademie,  führt mich exklusiv durch das Zietenschloss und berichtet über Seminare, Kulturveranstaltungen und Sanierungsarbeiten – und zeigt mir das „Fontane Gewölbe“ im Keller. Besorgt verfolgen wir im berühmten Pavillion im Oktober 2017 Sturmtief Xavier. Das Schloss bleibt verschont, aber dann fällt der Strom aus.

Frauen-Power in Wustrau

Bevor auch Fontane 2019 im Dorf gewürdigt wird, gibt’s zuvor ein hausgemachtes Jubiläum: Cafe Constance feiert im Oktober 2018 sein 20jähriges Bestehen. Chefin Ingelore Radke bietet in „einem der schönsten Cafes Brandenburgs“ Kuchen und Kultur – und immer wieder Fontane – der die Frauen-Power in Wustrau zu schätzen wüsste. Anne-Karin Glase wandert mit mir auf „geheimen“ Wegen durchs Wustrauer Luch – auf den Spuren Fontanes. Und ich nehme Sie mit!

Erlebnis Wustrau

Was man in Wustrau sehen, erleben und genießen kann …

Lage:

Wustrau liegt ca. 70 km nordwestlich von Berlin im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Es bildet zusammen mit Altfriesack und Zietenhorst einen Ortsteil (Wustrau-Altfriesack) der Gemeinde Fehrbellin. 

Sehenswürdigkeiten:

Wustrau hat gleich zwei Museen:

Das Brandenburg-Preußen Museum ist ein Privatmuseum, das 2000 von Ehrhardt Bödecker gegründet wurde. Die Dauerausstellung gewährt mit unzähligen Exponaten Einblicke in die brandenburg-preußische Geschichte. Sehen lassen kann sich auch das museumspädagogische Angebot: regelmäßige Führungen und Veranstaltungen, Geschichts- und Filmwerkstätten für Schüler sowie Sonderausstellungen. Zurzeit bereitet das Team um den engagierten Museumsleiter Dr. Stephan Theilig die Sonderausstellung „Germania Slavica und Lebuser Silberschatz“ vor. Sie wird am 3. März 2018 eröffnet. 

http://www.brandenburg-preussen-museum.de/willkommen.html

Ein Kleinod ist das Heimatmuseum Wustrau, das liebevoll vom umtriebigen Heimat- und Kulturverein Wustrau-Altfriesack betreut wird und im alten Schulgebäude untergebracht ist. Der Verein unter Leitung von Uwe Seidler wurde 1995 gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, heimatliche Traditionen und Geschichte zu erforschen und zu bewahren. Das Heimatmuseum kann von April bis Oktober am Wochenende von 14 bis 16 Uhr besucht werden.

http://heimatverein-wustrau.de/Heimatmuseum.htm

Das Zietenschloss glänzt nach einem neuen Anstrich (2016) in alter Pracht. Es ist heute Tagungsstätte der Deutschen Richterakademie und kann außerhalb der Schulferien mittwochs von 13 bis 16 Uhr besichtigt werden. Außerdem veranstaltet die Richterakademie regelmäßig Ausstellungen. Im Sommer finden im Schlossgarten direkt am Ufer des Ruppiner Sees ein Seefestival statt.

http://www.seefestival.com/

Die Wustrauer Dorfkirche sei ein Ideal von einer Kirche, befand Fontane. Angesichts der vielen Stilepochen, die sich an und in der Kirche verewigt haben, ließe sich das heute nicht mehr behaupten. Sehenswert ist die Kirche allemal. Der Gemeindekirchenrat bietet auch Führungen an (Herr Bauske, Telefon 033925/ 70368).

Neben der Kirche befinden sich die Zieten-Gräber vom Husarengeneral (Vater) und vom Landrat (Sohn).

Gastronomie:

Das Hotel und Restaurant Theodors verspricht viel: „Zu Hause ist, wo der Anker fällt.“ Und wirbt mit saisonalen Gerichten, die „durch ihre regionale Interpretation“ überraschen. Was auch immer das heißen mag: Der Besucher wird nicht enttäuscht. Auch das geschmackvolle und moderne Ambiente überzeugen. Im Sommer hat man von der Terrasse einen herrlichen Blick auf den Ruppiner See und die imposante Skulptur Seeschlacht des Karwer Künstlers Matthias Zágon Hohl-Stein. Das Denkmal erinnert an die von Fontane beschriebenen Söhne des alten Zieten und Knesebeck, die in Ermangelung wirklichen Kampfes im Jahr 1785 eine Seeschlacht zwischen Karwe und Wustrau aufführten.    

Am Bollwerk 1, 16818 Wustrau
033925 – 8803
http://theodors.de/ 

Wer es gediegener mag, kehrt in den Gasthof Zum Alten Zieten ein. Auch dieses Etablissement wartet mit einem einfallsreichen Slogan auf: „Wenn es woanders regnet, scheint bei uns die Sonne …“ Es wirbt mit „ländlicher Hausmannskost“ und „volkstümlichen Preisen“. Und einem Angebot, das auch Fontane gefallen hätte: „Bei uns verkehren Einheimische und erzählen Ihnen Geschichten und Dorfklatsch aus erster Hand.“ Ausprobieren!

Ernst-Thälmann-Str. 8
16818 Wustrau
033925 – 70292
www.Zum-Alten-Zieten.de

Im Dorf befindet sich das rekonstruierte „Constance-Haus“, das Graf von Zieten-Schwerin 1908 seiner Gattin Constance zum 70. Geburtstag geschenkt hatte. „Heute befindet sich in diesem Haus eines der schönsten Cafés Brandenburgs“ – so die Werbung auf der Homepage. Es stimmt! Was an der Chefin liegt. Ingelore Radke bietet in ihrem Cafe Constance nicht nicht nur duften Kuchen, sondern auch Kultur. Und sie strahlt das aus, was einer Cafe-Besitzerin immanent sein sollte: Wohlfühlatmosphäre. Leider nur unregelmäßige Öffnungszeiten.

http://www.cafe-constance.de/ 

Baden:

Einen Ballwurf vom Zietenschloss entfernt befindet sich der öffentliche Badestrand von Wustrau. Der Blick auf den Ruppiner See – auch hier ein Traum.

Chronik Wustrau

Was man über Wustrau wissen sollte … 

1462
Ersterwähnung Wustraus

1638
Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg

1747-1750
Bau des barocken Herrenhauses von dem legendären preußischen Husarengeneral Hans Joachim von Zieten (1699 – 1786)

1781
Bau des heutigen Kirchturmes, nachdem der alte zwei Mal durch ein Blitzschlag zerstört wurde (1694, 1756)

1800-1841
Friedrich von Zieten Landrat des Kreises Ruppin

1859 und 1861, vermutlich auch 1864 (neue Erkenntnis aufgrund der Notizbücher-Edition)
Besuch Fontanes in Wustrau

1937
Erwerb des Gutes durch derer von Oertzen aus Hohenbrünsow, einen Verwandten der Schwerins

1946
Im Schloss wird eine Grundschule, später Zentralschule (bis 1976) und zwei Berufsschulen (Landwirtschaft bis 1948/49 sowie Bauberufe 1948/49 bis 1964) untergebracht.

1974
Wustrau und Altfriesack bilden die Gemeinde Wustrau-Altfriesack

1983
Gründung des Instituts für juristische Weiterbildung des Justizministeriums der DDR im Zietenschloss

1993
Gründung der Tagungsstätte Wustrau der Deutschen Richterakademie im Zietenschloss; zuvor (1990-1993) umfangreiche Sanierung, u.a. Erneuerung der Schlosstreppe

2003
Wustrau-Altfriesack wird nach Fehrbellin eingemeindet

2017
Wustrau feiert 555. Jubiläum der Ersterwähnung