Ein Unikat in Garz

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Vom Garzer Wohnturm war Fontane beeindruckt: „Besser als irgend ein anderer alter Burg- oder Schloß-Bau, den ich in der Mark kennen gelernt habe, gibt uns dieser Garzer Turm ein Bild davon“, wie der märkische Adel vor einigen Jahrhunderten gewohnt und gelebt habe. Auf seiner „Sommerreise durchs Ruppinische“ im Juni 1864, mit der er die Überarbeitung des ersten „Wanderungen“-Bandes vorbereitete, hat Fontane das ungewöhnliche Bauwerk besichtigt und in seinem Notizbuch skizziert. In der neuen Auflage, die ein Jahr später erschien, widmet er dem Garzer Wohnturm im Kapitel „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“ einen eigenen Abschnitt.

Fontane schätzte fast korrekt

„Besser als irgend ein anderer alter Burg- oder Schloß-Bau, den ich in der Mark kennen gelernt habe.“ Fontanes Notizbuch-Skizze von 1864. Quelle: Digitale Notizbuchedition

Streng genommen handelt es sich um zwei alte Türme. „Der größere ist viereckig und in drei Stockwerken fast ganz aus Feldstein ausgeführt.“ Höchst wahrscheinlich sei er, vermutet Fontane, „aus dem 14. Jahrhundert und war, muthmaßlich bis in die Zeiten nach dem 30jährigen Kriege, das Wohnhaus der Familie“. Mit seiner Schätzung lag der Wanderer gar nicht so falsch. Denn ein dendrochronologisches Gutachten von 1997 datiert den Bau auf die Zeit um 1400.

Fontane erwähnt zudem, dass der Turm Teil einer „ehemaligen Befestigungs-Anlage“ war. Auch in der modernen Forschung geht man davon aus, dass er im Hochmittelalter zu einem System von Burgen und befestigten Anlagen gehörte, dessen Funktion die Sicherung der Grenzen zwischen den einzelnen Herrschaftsgebieten im Raum Ostprignitz/Ruppin war.

Darauf weist auch der Ortsname Garz hin, der auf das slawische Wort „gard“ zurückzuführen ist und „die Feste“ beziehungsweise „die Burg“ bedeutet. Heute gehört Garz, am nordwestlichsten Zipfel des Rhinluchs gelegen, zur Gemeinde Temnitztal.

Das ehemalige Herrenhaus derer von Quast: „Haus Garz“, vom Park ausgesehen, 2018. Quelle: Robert Rauh

Nicht in den „Wanderungen“, aber in natura

Wer den Wohnturm heute in den „Wanderungen“ sucht, wird ihn nicht finden. Denn in der dritten Auflage der „Grafschaft Ruppin“ von 1873 nahm der Autor das Kapitel „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“ wieder heraus. Damit entfiel auch die Beschreibung des Wohnturms, die er – wahrscheinlich aus Platzgründen – nicht dem Hauptkapitel „Garz“ zuordnete.

In natura blieb der Turm dagegen erhalten. Nach der Errichtung des Herrenhauses, vermutlich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wurde er nicht abgerissen. Ob sich hundert Jahre später Ferdinand von Quast, Gutsherr in Radensleben und seit 1843 erster Konservator der Kunstdenkmale des preußischen Staates, persönlich für den Erhalt einsetzte, ist allerdings nicht bewiesen, obwohl es in der Literatur immer wieder Erwähnung findet.

Der Feldsteinkoloss überdauerte

Im 19. und 20. Jahrhundert soll der Turm das Quastsche Familienarchiv beherbergt haben. Als die Russen sich 1945 im Garzer Herrenhaus einrichteten, wurden die Unterlagen entwendet und weitgehend verfeuert. Der Turm hielt jedoch stand, überdauerte die DDR und existiert noch heute. Steht man davor, wirkt der elf Meter hohe Feldsteinkoloss wie ein Bunker, die Handvoll Fenster in den zirka ein Meter dicken Mauern ähneln Schießscharten. Dass der Turm inzwischen bezwingbar ist, beweist der an den Ecken hochkletternde Efeu. Er ist der letzte erhaltene freistehende Wohnturm in Brandenburg. Ein Unikat.

Einen Steinwurf voneinander entfernt: Wohnturm und Herrenhaus in Garz, 2018. Quelle: Robert Rauh

Quelle:

Märkische Allgemeine Zeitung vom 22.6.2019

https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Amt-Temnitz/Wandern-nach-Fontanes-Notizen-Garz

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