Die „Zweiteilung“ Ganzers

Veröffentlicht von Gabriele Radecke und Robert Rauh.

Fontane hatte die Qual der Wahl. Auf welcher Seite sollte er halten, nachdem er am 11. August 1861 die Ortsgrenze von Ganzer passiert hatte? „Wir […] schwanken“, schreibt er in den „Wanderungen“, „ob wir unser Fuhrwerk nach links oder rechts hin lenken sollen, denn scharf einander gegenüber erblicken wir zwei Krugwirtschaften, jede mit dem üblichen Vorbau, jede mit einer Anzahl Stehkrippen und jede mit einem Wirt in der Tür.“

Ganzer hatte nicht nur zwei Lokale („Krüge“), sondern auch zwei Herrenhäuser und zwei Grabgewölbe zu bieten. Dass Fontane alles doppelt vorfand, war einer topografischen Besonderheit des Ortes geschuldet. Es sei diese „deutlich sichtbare Zweiteilung“, die Ganzer für ihn „doppelt interessant“ werden lasse, teilte er seiner Freundin Mathilde von Rohr unmittelbar nach seinem Besuch im „reizenden“ Ganzer mit. Der Fahrweg sei die Grenze, „was links liegt, ist alt-Rohrscher, was rechts liegt, alt-Jürgaßscher Besitz“. Nur die „Dorfgasse samt Kirchhof und Kirche“ gehörten allen. In seinem Notizbuch hat er diese ungewöhnliche „Zweiteilung“ Ganzers in einem Lageplan skizziert.

Die „Zweiteilung“ Ganzers: Fontanes Skizze von 1861. Quelle: Digitale Notizbuchedition

Fontane hatte die Wahl, wir nicht

Fontane entschied sich „endlich für links“ und war „infolge dieser Wahl, ohne Wissen und Wollen auf der Rohrschen Seite gelandet“. Er betrat den Krug, plauderte mit dem Wirt und trat anschließend auf die „malerische Dorfstraße hinaus“.

Hinter hohen Ulmen und Linden schimmerten die weißen Wände des alten Rohrschen Herrenhauses. Es sei ein „weitschichtiger Fachwerkbau mit schwerfälligen Flügeln und Doppeldach, der halb gemütlich, halb spukhaft dreinblickt, je nach der Stimmung, in der man sich ihm nähert, oder nach der Beleuchtung, die zufällig um die Kronen der alten Ulmen spielt“.

Wer erwartet, Fontane würde nun hineinspazieren, wird enttäuscht. Er lief vorbei. Empfangen wurde der Wanderer stattdessen im „Jürgaßschen Herrenhause“ – auf der rechten Seite. Ob er wie bei den Krügen am Dorfeingang auch bei den Herrenhäusern eine Wahl hatte, bleibt sein Geheimnis.

Heute hat man keine Wahl mehr. Die Zweiteilung ist längst Geschichte. Weder die Wirtshäuser noch das Gutshaus der Familie von Jürgaß existieren noch. Bleibt also nur das „Rohrsche Herrenhaus“.

„Halb gemütlich, halb spukhaft“: das alte Rohrsche Herrenhaus im neuen Gewand. Quelle: Jonas Becker

Ein ganzer Brandenburger

Hier wohnen die Mason Browns. Ihrem alten „Fachwerkbau“ begegnen wir in guter „Stimmung“; er schaut „gemütlich“ drein. Die weiße Fassade mit den filigranen Sprossenfenstern und den schwarz gestrichenen Balken bilden den passenden Dresscode für einen lauen Sommerabend. Und die roten Biberschwänze leuchten in der untergehenden Sonne wie ein frisch gewaschener Hut. Als stünde das Casting für einen Märchenfilm der DEFA bevor.

Charles Mason Brown, im südafrikanischen Kapstadt geboren, ist seit 2018 Ortsvorsteher von Ganzer, heute ein Ortsteil von Wusterhausen/Dosse. Und seine Frau Katrin leitet auf dem Gehöft die Kinder- und Jugendkunstakademie. Auch Fontane fühlen sie sich verpflichtet, die Familie bietet „laufende“ Lesungen an – zu den Orten, die Fontane besichtigt und beschrieben hat.

Der traurige Engel von Ganzer

Dazu zählt auch das Jürgaß-Denkmal, das Fontane auch in seinem Notizbuch von 1861 skizziert hat. Es handelt sich um ein mächtiges Monument, das vor dem freistehenden Glockenstuhl auf der Ostseite der Kirche zu finden ist. Das zirka sechs Meter hohe Denkmal besteht aus einem marmornen Engel mit gesenktem Blick auf einem mit vier schwarzen Schrifttafeln geschmückten Sockel in Form eines Würfels sowie einem gusseisernen Baldachin, der an das Schinkel-Denkmal für Königin Luise in Gransee erinnert. Ob es tatsächlich von Schinkel oder einem seiner Schüler entworfen wurde, ist nicht bekannt. Dagegen informieren die vier Schrifttafeln, wem es gewidmet ist, nicht einem einzelnen Toten, sondern dem ganzen aus diesem Leben geschiedenen Geschlecht: der Familie von Jürgaß.

Das Jürgaß-Denkmal vor der Kirchenruine. Quelle: Jonas Becker

Die beiden letzten Jürgasse, »de strenge und de gode Herr« [diese Charakterisierung erfuhr Fontane vom Wirt der Krugwirtschaft auf der Rohrschen Seite zu Beginn seines Aufenthaltes in Ganzer], wiesen in ihrem Testament eine bedeutende Summe zur Aufführung des Monuments an, und mit Gewissenhaftigkeit sind die Vollstrecker des Testaments diesem letzten Willen nachgekommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.